Aufsatz 
Anleitung zur Behandlung der Taubstummen nach deren Entlassung aus der Anstalt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

ſtumme einen gleich hohen Grad dieſer Sprech⸗ und Schreibfertigkeit. Bei Manchem iſt wohl eine undeutliche und ſchwerfällige Ausſprache das Hinderniß, daß er ſogleich verſtanden wird; allein nur eine kurze Gewöhnung, ein wenig Aufmerkſamkeit und Geduld, und man wird denſelben ver⸗ ſtehen. Sowie er aber die Fertigkeit hat, ſeine Gedanken durch Sprechen auszudrücken, ſo beſitzt er auch in größerem oder geringerem Grade die Fähigkeit und Fertigkeit, unſere Sprache am Munde abzuleſen. Aus den Mundſtellungen, den Bewegungen und verſchiedenen Lagen unſerer Sprechwerkzeuge erkennt der Taubſtumme oft mit bewundernswürdiger Leichtigkeit und Sicher⸗ heit den Sinn deſſen, was zu ihm geſprochen wird. Hierbei iſt aber durchaus nothwendig, daß der Redende, indem er ſein Geſicht dem Taubſtummen unverwandt zukehrt, langſam, deutlich und ſcharf markirt ſpricht, damit ſich die Mundſtellungen genau ausprägen. Etwa fehlgeſchlagene Verſuche dürfen nicht entmuthigen und von weiteren Bemühungen abſchrecken; denn gleichwie nicht jede Handſchrift ſogleich mit Sicherheit und Geläufigkeit geleſen werden kann, ebenſo ſchwer fällt es oft dem Taubſtummen, die Mundbewegungen genau aufzufaſſen. Ein Vertrautwerden mit den Mundſtellungen des Sprechenden wird den mündlichen Verkehr bald erleichtern. Da aber auf das Sprechen mit Taubſtummen ein großes Gewicht gelegt werden muß, weil die Erhaltung und Ver⸗ vollkommnung der Sprechfertigkeit für das practiſche Leben von der entſchiedenſten Wichtigkeit iſt, ſo dürfte wohl im Intereſſe der Unglücklichen die Bitte an jeden Lehrmeiſter gerechtfertigt ſein, ſich durch die Schwierigkeiten nicht abwendig machen zu laſſen.

Wenn übrigens ein in einer Anſtalt gebildeter Taubſtumme gar nicht ſprechen könnte was gewiß nur ſelten vorkommen wird: ſo bleibt doch noch ein Mittel, ſich mit ihm verſtändigen zu können, nämlich die Schrift. Jeder taubſtumme Schüler wird hierin eben ſo gut unter⸗ richtet, wie der Hörende, ja! die Fertigkeit, welche ſich Manche im Schnellſchreiben aneignen, iſt oft ſtaunenerregend, wenn auch die Art, ſich ſchriftlich auszudrücken, zuweilen etwas eigenthümlich ſein ſollte. Der Taubſtumme wird es vielleicht niemals erlangen, daß er ſich ohne den geringſten Fehler ausdrücke; er wird ſelbſt durch langjährig fortgeſetzten Unterricht der Sprache nie ſo mächtig werden, wie Hörende: aber es genügt auch in den meiſten Fällen, daß er ſich nur durch einige Worte verſtändlich zu machen weiß. Unrichtiges zu verbeſſern, Falſches zu berichtigen, Vergeſſenes aufzufriſchen oder Unbekanntes zu geben, fällt denjenigen, welche mit Taubſtummen umgehen, nicht zu ſchwer, und an der Bereitwilligkeit, nachzuhelfen, wird es wohl auch nicht fehlen, alſo vorausgeſetzt werden dürfen, daß in kurzer Zeit das gegenſeitige Ver⸗ ſtändniß erzielt werden kann. Zu dem Ende ſollte jeder Taubſtumme ein Notizbuch ſtets bei ſich tragen, in welches man ihm ſogleich die Namen für das Unbekannte, als: Perſonen, Werkzeuge, Stoffe, Werth, Alter, Eigenſchaften, Thätigkeiten u. ſ. w. auf⸗ ſchreibt. Unbekaunte Namen leſen ſich ſchwer vom Munde ab und müſſen beim erſten Vorkommen immer aufgeſchrieben werden. Nach dem Aufſchreiben und Leſen derſelben ſpreche mau ſie dem Taubſtummen noch mehrere Male hintereinander vor und laſſe ſie nachſprechen, worauf für die Folge das Ableſen vom bloſen Munde ſehr erleichtert ſein wird. Fehlte es im Augenblick an den nöthigen Schreibmaterialien(was übrigens bei ſolchen Taubſtummen, welche ſich durch die Schrift verſtändlich zu machen gewöhnt oder gar gezwungen ſind, ſelten vorkommen möchte), oder iſt die Gelegenheit zum Schreiben ekwa nicht paſſend, wie z. B. bei Tiſche, bei der Arbeit, auf

1*