Aufsatz 
Die Geschichte als Lehrgegenstand an der Realschule mit besonderer Berücksichtigung des Altertums / vom R.-L. Johannis
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

ſich erheben wollte an der Nothwendigkeit und Berechtigung des geſchichtlichen Unterrichts zu beſeitigen, und werden, wenn auch nicht erſchöpfend, Jedem, der ſich nicht abſichtlich und gefliſſentlich einer beſſeren Einſicht verſchließen will, hinlänglich dargethan haben, daß der Unterricht in der Geſchichte eine unabweisliche Forderung ſei und mit demſelben Rechte, wie andere Lehrgegenſtände und an anderen Lehranſtalten einen Platz in dem Unterrichtsplane der Realſchule einzunehmen habe.

Die Frage, welche ich mir, wie oben angedeutet, zur Beantwortung geſtellt habe, wäre nun in welcher Weiſe und in welchem Umfange beſonders, die Geſchichte zu tractiren ſei, d. i. was aus dem Gebiete dieſer ſo umfangreichen Disciplin an der Realſchule zum Vortrage zu kommen habe und in wie weit namentlich die Geſchichte des Alterthums aufzunehmen ſei.

Außer der Geſchichte, die jedes Volk zunächſt und ins beſondere angeht, treten uns im Verlaufe der Jahrtauſende, welche der Erforſchung des Hiſtorikers erreichbar geworden ſind, eine Menge Erſcheinungen. Thatſachen, Veränderungen erfreulicher und unerquicklicher Art, die ſich theils auf friedlichem Wege, theils unter den gewaltigſten Störungen und Erſchütterungen vollzogen und die Menſchheit im großen Ganzen, wie in einzelnen Geſchlechtern und Individuen berührt und alterirt haben, entgegen, deren eine Jede, außer der mehr oder weniger berechtigten Exiſtenz, auch der Ueber⸗ lieferung werth ſind und ſich der Erwägung und Betrachtung ſpäterer Geſchlechter empfehlen; die alle für die hiſtoriſchen Pragmatiker von Werth ſind und für das tiefere Verſtändniß des göttlichen Planes wie er einmal in die Welt gelegt iſt, kaum umgangen werden können. Für den, welcher nicht bloß in ſeiner Weiſe und nach ſeinem Geſchmacke unterhalten ſein will, oder nur eine angenehme Lectüre in der Geſchichte ſucht, iſt die Kenntniß des Völkerlebens, wenigſtens der Culturvölker des Morgenlandes, nicht weniger wichtig und unter Umſtänden nothwendig, als die gründliche Bekannt⸗ ſchaft mit den Völkern, welche die Kultur des Alterthums am weiteſten gebracht und uns vermittelt haben, den Griechen und Römern, ohne deren genaue Kenntniß wir das Mittelalter und vielleicht auch die Neuzeit kaum oder nur ſehr dürftig verſtehen würden. Kein Volk, und hielte es ſich für noch ſo begabt und von der Natur begünſtigt und geiſtig hochgeſtellt, ſteht der übrigen Völkerwelt gegenüber ſo geiſtig unabhängig da, daß es aus ſich heraus und für ſich das werden könnte, was es geworden. Jedes muß von anderen Völkern aufnehmen und hat aufgenommen; mögen Selbſtüber⸗ hebung und nationaler Hochmuth ihm über ſeine Befähigung ſpäter einreden, was ſie wollen, es wird nie im Stande ſein dies unwiderleglich ab⸗ und wegzudisputiren. Wohin die Völker, welche von Natur oder durch politiſche und geſellſchaftliche Verhältniſſe von den anderen ſich abgeſondert haben oder zu Abſonderung genöthigt geweſen ſind, gerathen, zeigen die Länder, deren Bewohner man in einem Zuſtande erblickt, den man, jedoch mit Unrecht, als den Urzutand des Menſchen bezeichnet hat.

Sowenig aber alle Zöglinge, welche die Mathematik erlernen, oder diejenigen, welche eine für ihren Lebensberuf erforderliche fremde Sprache ſich aneignen wollen, alle Mathematiker, bezw. Philo⸗ logen und Sprachforſcher werden müſſen, ſo wenig(oder genauer geſagt noch weniger) bedarf der Zögling der Realſchule ſolcher umfangreichen Kenntniſſe in der Geſchichte, daß er alle hiſtporiſchen