Aufsatz 
Die Geschichte als Lehrgegenstand an der Realschule mit besonderer Berücksichtigung des Altertums / vom R.-L. Johannis
Entstehung
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höheren Zwecken zu dienen habe und ſogar es dürfte nicht zu viel behauptet ſein um ihrer ſelbſt willen zu betreiben und zu cultiviren ſei, d. i. nicht ſo wohl Mittel als Zweck, wenigſtens beinahe ebenſo wohl als andere Zweige des menſchlichen Wiſſens auch, ſein müſſe.

Wie dem Menſchen, ſobald er zum Selbſtbewußtſein gekommen und in den Beſitz ſeines Denk⸗ und Reflexionsvermögens gelangt iſt, verſchiedene Fragen über ihn ſelbſt, über ſein Woher? und Wozu da? ſowie über das was um ihn und über ihm, in der ſichtbaren Schöpfung wie in der überſinnlichen Welt iſt und vorgeht, ſich aufwerfen und an ihn herantreten, ſo entſteht auch in ihm das Verlangen, zu wiſſen, was vor ihm geweſen, was die Menſchen vor ihm gedacht, gethan und wie die Zuſtände, in welche er ſich verſetzt ſieht, ſeien dieſe nun erträglich und angenehm oder unangenehm und läſtig, entſtanden und ſo geartet ſind, wie er ſie um ſich gewahrt und erblickt. Auf jene Fragen, über ſein Woher nämlich und den Zweck ſeines Daſeins, gibt ihm die Offenbarung den nöthigen Aufſchluß, über letztere vorzugsweiſe die Geſchichte. Und es iſt dieſe Art Wißbegierde eine angeborene und nächſt der Frage nach ſeinen Familienverhältniſſen ſo berechtigte, daß ſchon um dieſer willen der Menſch gleichſam ein Recht auf hiſtoriſche Unterweiſung hat. Der Menſch muß ſich und ſein Geſchlecht, überhaupt die Welt und das Leben kaum oder nur halb verſtehen, dem die Geſchichte verſchloſſen iſt.

Wie natürlich dieſer Zug im Menſchen iſt, erſehen wir aus der Urgeſchichte eines jeden Volkes. Mögen die fabuloſen Erzählungen ſowie die Erklärungsgründe für das Daſein eines Volkes und die Art ſeiner Entſtehung, ſeines erſten Auftretens in der Völkergeſchichte, ſeines Wachsthums und ſeiner Weiterbildung ſich noch ſo abenteuerlich geſtaltet haben, ſie beweiſen das Streben, die Vergangenheit Derer, mit welchen er durch Geburt, Stammesverwandtſchaft, Heimath, Cultur und ſonſtige göttliche und menſchliche Inſtitutionen verbunden iſt, kennen zu lernen, weshalb ihm auch die Männer, welche hm hievon ſingen und ſagen, mit einem Nimbus umgeben zu ſein ſcheinen. Würden wohl die Griechen Herodot mit ſeinen oft ins Mährchenhafte ſich verlierenden Erzählungen und ſeinen bizarren Erklärungsgründen für die von ihm berichteten Thatſachen, wie das Zerwürfniß zwiſchen Griechen und Perſern, eine ſolche Verehrung entgegengebracht, oder Homer wie einen heiligen Sänger ange⸗ ſehen haben, wenn dieſe nicht, wenigſtens theilweiſe, dieſe Wißbegierde geſtillt hätten? Iſt nicht der Grund für die Ehrfurcht des Judenvolkes vor den heiligen Büchern, zum guten Theil auch in dem Umſtande zu ſuchen, daß ſie ihm Aufſchluß über ſeine Entſtehung und ſeine uranfänglichen Schickſale gaben? Scheint es doch, daß die hiſtoriſchen Aufzeichnungen nicht allein bei den alten, vorchriſtlichen Völkern, ſondern auch den chriſtlichen lange Zeit ein Geſchäft der Prieſter, alſo etwas mit der Religion in Verbindung Stehendes geweſen ſeien. Bei nahezu allen Völkern bilden die Aufzeichnung und die poetiſche Bearbeitung der Geſchehniſſe aus alten Zeiten die Anfänge der Literatur. Und die Menſchen groß und klein haben jederzeit auf Erzählungen gerne gehorcht, wofür die in eine nicht gerade zu rechtfertigende Sucht ſich aus der Tagespreſſe zu amüſiren nicht das unwichtigſte Zeugniß ablegt.

Dieſe wenigen Andeutungen dürften ſchon genügen, jeden Zweifel wenn überhaupt ein ſolcher