— 65—
mass des ernsten Epos gewesen, seit Herders Cid. Goethe wendet denselben in mehreren Gedichten an(Musageten, Magisches Netz, Nektartropfen usw.). Freiligrath übersetzt in sogenannten finni- schen Trochäen, die von den spanischen fast gar nicht unterschieden sind, Longfellows Epos Hiawatha. Müllner in der„Schuld“ und Grillparzer in der„Ahnfrau“ haben den vierfüssigen Trochäus mit glücklichstem Erfolge in das Drama eingeführt. Dass Arnim, Heine und Immermann ihn im komischen Epos, sowie neuerdings Scheffel und Julius Wolff im leichtern„Sang“ anwenden, spricht nicht gegen seine erprobte Verwendbarkeit im ernsten Epos, zeugt im Gegenteil von seiner grossen Beliebtheit. Es ist ein Vers, der sich sowohl für kurze Sätze, als namentlich auch für den Periodenbau vorzüglich eignet und darum für die fortlaufende Erzählung wie geschaffen erscheint. Ich setze als Probe die Klage der Frauen um Hektor, Il. 24,695— 804, hierher:
Strahlend wob die Morgenröte Um die Erde Goldgewandung, Als die beiden, Weh im Herzen, Auf den Lippen Klag' und Jammer, Ihre Rosse stadtwärts trieben, Mit dem Toten auf dem Wagen. Aber keiner von den Männern, Keine von den Frauen Trojas Hatte noch gewahrt ihr Kommen. Nur die Seherin Kassandra, Priams Tochter, die an Schönheit Glich der goldnen Aphrodite, War auf Trojas Burg gestiegen Und erblickte jetzt den Vater, Auf dem Wagenstuhle stehend. Und erblickte auch den Herold Und erblickte jetzt den Toten, Hingestreckt auf seinem Lager. Da erscholl durch Trojas Strassen Laut und schauerlich ihr Klagruf:
Kommt und schaut, ihr Männer Trojas, Kommt, ihr Fraun, und schaut den Hektor! Grüsstet ihn ja sonst so freudig,


