Aufsatz 
Über Homerübertragung mit neuen Proben
Entstehung
Einzelbild herunterladen

64

Denn was die Götter gütig geben,

Soll man verachten nicht im Leben.

Sie teilen jedem nach Belieben,

Und keinem ist die Wahl geblieben.

Soll ich Kampf und Streit nun wagen, So lass den beiden Völkern sagen,

Dass sie sich lagern auf dem Plan,

Die Griechen dort, die Troer hier;

Dann tret' ich mit Menelaos an,

Und in der Mitte kämpfen wir

Um sämtliche Schätze und Helena.

Wer dann als Sieger stehet da,

Der nehme die Schätze, der nehme die Braut, Der führe sie nach Hause traut.

Ihr andern aber schwöret Frieden,. Und in Freundschaft sei darauf geschieden: Möget ihr auf Troöjas Auen

Eure fetten Fluren bauen,

Mögen jene heimwärts kehren,

In Argos edle Rosse nähren,

Oder nach Achaja ziehen,

Wo die schönen Frauen blühen.

Ich teile nicht Jordans Standpunkt, dass durch den Reim eine Homerbearbeitungwiderwärtig romantisiert werde, sondern bin vielmehr der Ansicht, dass bei einer nach gesunden Grund- sätzen bearbeiteten Ubertragung der vorstehende Vers wohl geeignet wäre, Homer den Deutschen näher zu bringen. Indessen man darf sich nicht verhehlen, dass das genannte Versmass nicht unerhebliche Schwierigkeiten hat und von Gefahren keineswegs frei ist. Und ehe man eine neue Homerübersetzung an dem einen oder andern scheitern lässt, muss man sich fragen, ob es nicht ein andres Vers- mass giebt, das vielleicht weniger Klippen hat. Dabei bin ich auf einen Vers gekommen, der zwar auch fremden Ursprungs und teils aus dem Griechischen teils aus dem Spanischen in unsre Litteratur gekommen ist, der sich aber den Gesetzen deutscher Verskunst aufs engste anbequemt und darum auch schnell zu weiter Verbrei- tung und grosser Beliebtheit gelangt ist. Der vierfüssige Tro- chäus mit meist klingendem Ausgang ist schon einmal das Vers-