Aufsatz 
Über Homerübertragung mit neuen Proben
Entstehung
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Streben nach pedantischer Wort- und Verstreue, so dass seine Zeitgenossen betroffen waren im Jahre 1793 über das veränderte Aussehen der Odyssee. Also nicht wegen Mangels, sondern höchstens wegen eines Ubermasses an wörtlicher Treue würde ich die Odyssee des Jahres 1781 tadeln.

Was dann die metrische Form der Vossischen Urodyssee an- geht, so werde ich über den Hexameter als solchen und seine Ver- wendung zur Homerübertragung noch weiterhin zu reden haben. Hier handelt es sich nur um seine Handhabung durch Voss. Da ist nun zunächst wieder rückhaltlos zuzugeben, dass Vossens Verse trotz vieler Mängel und Schwächen im Vergleich zu denen des Messias einen gewaltigen Fortschritt bedeuten, und dass Voss in seiner ersten Odyssee schon bahnbrechend wirkt für die Einbürge- rung des Hexameters in die deutsche Litteratur, und das muss, mag man vom Hexameter urteilen, wie man will, immer als ein grosses Verdienst betrachtet werden. Freilich den erwähnten Mängeln kann man sich nicht verschliessen; Verse mit so lahmen Trochäen wie:

Dessen Tochter hält den ängstlich harrenden Dulder oder:

Wenn sich deine Seele mit Brod und Weine gelabt hat, die auch Herbst II, 1 S. 91 tadelt, und deren es viele giebt, sind als Hexameter nicht zu dulden. Bekanntlich vervollkommnet sich Voss später nach dieser Richtung hin, indem er eifrig nach Dak- tylen und Spondeen sucht, aber dafür verfällt er in andere nicht minder schwere Fehler gegen Satz- und Wortbetonung. Wer denkt

nicht an die berüchtigten Versausgänge:Herrscher im Donner- gewölk, Zeus;Ordner der Welt Zeus;und plötzlich

durchflog unlöschbar umher Glut u. s. w. Im allgemeinen zwar bat er sich in der ersten Odyssee vor diesen Verletzungen des Satz- accents noch glücklich bewahrt, einige aber finden sich doch schon, z. B. 1, 62:Warum denn zürnest du so, Zeus? 13, 39: Sendet mich jetzt, nach geopfertem Trank, in Frieden; und lebt wohl! ferner 5, 294 u. ö.:und dem düstern Himmel entsank Nacht. Schlimmer sind die Fehler gegen die Wortbetonung. Gewisse Frei- heiten bezüglich Wort- und Versbetonung haben sich die deutschen Dichter aller Zeiten gestattet, indem sie es dem Leser überliessen, den Widerstreit zwischen Wort- und Versbetonung durch schwe- bende Betonung auszugleichen, und in manchen Dichtungsgattungen