Aufsatz 
Über Homerübertragung mit neuen Proben
Entstehung
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zweier Männer, die sich eingehend mit der Sache beschäftigt haben, und diese Ansichten stehen einander diametral gegenüber. Beide stehen nicht allein, jeder von ihnen hat ein grosses Gefolge; wer das grössere hat, ist schwer zu sagen. Wenn man hört, dass es heute fast zum guten Tone gehöre, das Werk des wackern Eutiners zu verspotten, dann könnte man meinen, Schroeter habe die meisten Anhänger. Wenn man aber die grosse Verbreitung der Vossischen Übersetzungen sieht, dann könnte man meinen, Bernays und die alten seien die zahlreicheren. Jedenfalls lässt die Wichtigkeit der Sache eine erneute Prüfung unumgänglich erscheinen.

Da ist nun zunächst zu beachten, dass auch die begeistertsten Lobredner Vossens kein unbedingtes und absolutes Lob zu spenden vermögen. Schon Wieland, der das Buch im April 1782 im Journal anzeigte, schliesst seine übrigens sehr schmeichelhafte Recension, in der aber hauptsächlich nur der Fluss der Verse und die Treue gelobt werden, mit den Worten:Kurz, Homer hat noch in keiner uns bekannten Übersetzung in jeder Betrachtung weniger verloren, ein nicht ganz uneingeschränktes Lob, wie mich dünkt. Gruppe ist nicht ganz blind für die Mängel der sonst von ihm so hoch gestellten Vossischen Ubersetzung. Herbst, der begeisterte Biograph Vossens meint, dass trotz der Trefflichkeit der Odyssee noch Fort- schritte denkbar seien, den Abstand zwischen ihr und dem Original zu verringern, und selbst Bernays spendet, wenn man genauer zu- sieht, vielfach nur relatives Lob, indem er zeigt, wie weit Voss seine Vorgänger und Mitbewerber um das hohe Ziel hinter sich lässt. Gewiss, für seine Zeit und für die deutsche Litteraturgeschichte hatte Voss etwas Grosses gethan; wer möchte seinen gewaltigen Einfluss auf die grössten unsrer Dichter verkennen und seine Ver- dienste um die deutsche Sprache und Verskunst unterschätzen? Das soll ihm ewig unvergessen und ungeschmälert bleiben. Aber etwas andres ist die Frage, ob die Vossische UÜbersetzung heute noch die denkbar beste und überhaupt die beste ist?

Was zunächst den von Schroeter gerügten Mangel an wört- licher Treue angeht, so hat Schroeter allerdings Recht, wenn er denselben hervorhebt, wo die Treue vielleicht doch etwas über Ge- bühr gelobt wird. Auch ist Voss in den spätern, verschlechterten Bearbeitungen der Odyssee der Wort- und Silbentreue noch viel näher gekommen, freilich oft zum Schaden; und in seiner Odyssee von 1781 giebt es thatsächlich Stellen, die einer freien Nachdichtung