Aufsatz 
Über Homerübertragung mit neuen Proben
Entstehung
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altertümlicher Würde, lagere über dem Ganzen, und der ganze Eindruck sei demjenigen verwandt, der für uns aus dem Original hervorgehe; auch seine Verdienste um das Versmass seien nicht gering, der Vers Klopstocks sei vervollkommnet und weiter ge- bildet. Dann klingt sie in die begeisterten Worte aus:Doch keine historische Betrachtung ist nötig, um uns die Trefflichkeit der deutschen Odyssee schätzen zu lehren. Das Gedicht selbst redet zu uns mit entzückenden Lauten und lockt und hält uns mit der Macht unvergänglicher Poesie, mit dem Zauber des Märchens und den ernsten Reizen ewiger WahrheitÜ. Wer möchte nach diesen Worten nicht mit hochgespannten Erwartungen an das Gedicht herantreten, wer die Worte des zünftigen Meisters zu be- zweifeln wagen? Allein das Bild hat auch eine Kehrseite, und auch diese muss der gewissenhafte Forscher genau betrachten.

Im folgenden Jahre nämlich schon, 1882, erschien ein Buch unter dem Titel: Geschichte der deutschen Homerübersetzung im 18. Jahrhundert von Dr. Adalbert Schroeter. Der Verfasser wollte das, was ervon Bernays mehr essaymässig gegeben fand, in ge- netischem Zusammenhange vorführen undso ein anmutig Kapitel deutscher Litteraturgeschichte geben,welches bei seiner hohen Bedeutung und reichen Ergetzlichkeit noch nicht geschrieben stand. Uns interessieren hier hauptsächlich die Abschnitte, wo Schroeter über die Vossische Urodyssee handelt, die er unter Beibehaltung der Schreibung in der Ausgabe von 1781 schlechtweg Odüssee nennt. Von Seite 235 ab prüft er das Werkzunächst rücksichtlich des Wortsinnes; dann auf Farbe, Ton und Stil, endlich seinen Rhythmus und die Diktion an sich. Die Ergebnisse werden uns nach den vorher angeführten Worten von Bernays überraschen. Schroeter untersucht also zunächst eine Reihe von Stellen hin- sichtlich der wörtlichen Treue, nämlich die Verse: Od. 1,1 10; 6,127 ff.; 11,240 ff.; 12,165 ff.; 22,4, 8, 11, 438, 444, 464 und gelangt zu dem Resultat, dass an diesen und zahllosen andern Stellen der Wortsinn des Originals arg getrübt ist durch Ver- schobenheiten, Eingriffe, Härten und grosse Freiheiten. Od. 12,165 ff. und an manchen andern Stellen kann thatsächlich nicht mehr von wörtlicher Treue, sondern höchstens von freier Nachdichtung die Rede sein. Allein ich tadle Voss deshalb am allerwenigsten und spare mir im übrigen hier und im nächstfolgenden die Beispiele sowohl wie die Kritik der Schrocterschen Ansichten, bis ich im