— 6—
nicht lesen können, ihn aber doch nicht ganz entbehren möchten, die Vossische Übersetzung zu Hilfe genommen wird, so ist das eine Stagnation bedenklichster Art, und wenn ich auch selbst nicht die Vermessenheit habe, mit meinen bescheidenen Proben die Vossische TIbersetzung zu verdrängen, so soll doch das, was ich von Homer- übertragung zu sagen habe, des neuen Geistes einen Hauch be- deuten.
Das Vorurteil für die Vossische bersetzung ist alt und weit- verbreitet. Steht es doch zu lesen in fast allen Litteraturgeschichten, wird doch der Vossische Homer jahraus jahrein in zahllosen Neu-— auflagen reproduziert und, wie schon erwähnt, sogar den Schülern unsrer höheren Lehranstalten als bester deutscher Homer vorge- setzt. Sowohl um zu zeigen, wie das gekommen ist, als auch um meine Ansicht zu begründen, muss ich auf die Geschichte der Vossischen Übersetzung etwas näher eingehen.
Vor nunmehr zwanzig Jahren ist diese Geschichte fast gleich- zeitig von zwei ganz entgegengesetzten Standpunkten geschrieben worden. Im Jahre 1881 nämlich waren es hundert Jahre, dass Voss mit der ersten Ausgabe der Odyssee, an der er in den Jahren 1776— 79 gearbeitet hatte, vor seine Zeitgenossen trat. Mit dieser Odyssee von 1781 haben wir es vorläufig zu thun, ich möchte aber gleich von vornherein bemerken, dass diese Odyssee grund- verschieden ist und zwar zu ihrem Vorteil verschieden ist, sowohl von der Vossischen Ilias als auch von allen spätern Bearbeitungen der Odyssee durch Voss, dass sich aber in den Händen der Deutschen seit achtzig Jahren nur die späteren verschlechterten Ausgaben befinden.
Im Jahre 1881 nun veranstaltete kein geringerer als Michael Bernays„gleichsam als Säkularfeier des Vossischen Jugendwerkes“ einen Abdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1781 und versah ihn mit einer gefällig geschriebenen Einleitung, die auf 120 Seiten zunächst die Geschichte der Entstehung, eine Leidensgeschichte, und dann eine mit Wärme geschriebene Würdigung der Vossischen Urodyssee enthält. Uns kümmert hier nur die Würdigung. Mit Wärme ist sie geschrieben, von der Hand eines kundigen Litte- raturhistorikers in seiner„hellen freundlichen Schreibart“. Sie lobt Vossens sachliches und wörtliches Verständnis wie seine Treue, die sich aber hier noch nicht knechtisch in Satzbildung und Wort- stellung an das Original anschliesse; ein Sprachton, umkleidet mit


