Aufsatz 
Über Homerübertragung mit neuen Proben
Entstehung
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In solchen Zeitläuften freilich an eine neue Homerübersetzung zu denken, wird von vielen günstigsten Falls mit einem mitleidigen Achselzucken schlecht verhehlter Verachtung für eine solche Rück- ständigkeit beantwortet werden; von andern wenigen wird wenigstens die gute Meinung und der Wille hoch angerechnet werden: Ich habe an meinem Homer übersetzt, weder den einen zum Trutz noch den andern zu Gefallen; sondern mir zur Freude habe ich die spärlichen Mussestunden dazu benutzt, in redlicher Mühewaltung die ewig schönen Gedanken des alten Dichters in mich aufzunehmen und sie dann in edler Dichtersprache unsres Volks, aber möglichst einfach und schlicht, wiederzugeben, auf dass einer, der es läse, es verstünde und sein Wohlgefallen daran habe.

Das giebt mir noch nicht das Recht, auf diesen Blättern mit meinen Versuchen vor einen Leserkreis zu treten. Dieses Recht nehme ich mir aus folgenden Erwägungen. Ich bin nicht der einzige, der den Eindruck hat, dass die Vossische Übersetzung, die sich auch heute noch des grössten Ansehens und der weitesten Ver- breitung erfreut, trotz all ihrer Verdienste, nicht mehr für die heutige Zeit passt.

Aber es klingt oft rauh den nachgebornen Geschlechtern

Jetzt der Gesang, und der Vers wandelt auf schwerem Kothurn. Anderen Zeiten behagt ein anderes Singen und Sagen,

Und in lebendigem Fluss bildet die Sprache sich neu.

So sagt Oskar Hubatsch in dem Vorwort seiner Iliasübersetzung (1894). Und ich teile mit vielen andern die Befürchtung, dass mancher, der von Homeros, dem Dichter der Dichter, viel hat rühmen hören und nun, des Griechischen unkundig, die Vossische Über- setzung zur Hand nimmt, um sich an der unvergänglichen Schön- heit der alten Dichtung zu berauschen, sie enttäuscht wieder bei- seite legt und vielleicht eine verhängnisvolle Verallgemeinerung auf das ganze Altertum macht. Es war in dem pädagogischen Betriebe der klassischen Altertumswissenschaft eine gewisse verderbliche Stagnation eingetreten. Vielleicht oder sicher war es nicht so schlimm, wie vielfach hinausgeschrieen worden ist. Aber dass man so hat schreien können, war schlimm genug, und die verderblichen Folgen zeigen sich ja überall. Jetzt beginnt allerorts ein frischer belebender Geist zu wehen, und hoffentlich gelingt es ihm zu retten, was noch zu retten ist. Wenn aber auch heute noch auf den meisten Real- und ähnlichen Anstalten, die den Homer griechisch