— 4—
hat die Höhe gestürmt, sie steht jetzt mit ihrem Gegner auf gleichem Boden, Stirn an Stirn, und sie wird versuchen, ihn den jenseitigen Abhang hinabzudrängen.
Das könnte unter Umständen mit rasender Schnelligkeit ge- schehen. Denn das humanistische Gymnasium und seine berufenen Vertreter in Schul., Universitäts- und Aufsichtskreisen müssen not- wendigerweise Schwächen besitzen und Fehler gemacht haben, sonst hätte es nicht so weit kommen können. Vielleicht hat ein über- triebener Idealismus die Schuld, der sich weltvergessen in seine Wissenschaft versenkte und sich den klaren Blick trüben liess für das, was um ihn her im praktischen Leben vor sich ging. Darum ist der Idealismus an sich noch nicht zu verwerfen, und es gilt nur, diesen Auswuchs abzuschneiden, aber bald und gründlich! Vielleicht war es auch die vielberufene Stagnation, von der ich noch zu sprechen haben werde: dann gilt es, möglichst schnell aus ihr herauszukommen und nicht mehr hineinzufallen. Vielleicht sind es auch noch andere Gründe, die ich aber hier nicht untersuchen kann.
Dazu kommt aber noch eine neue Gefahr, die Gefahr der Entmutigung im eigenen Lager. Wie eine der besten Freuden des Lehrers das stolze Bewusstsein ist, ein nicht unwesentlicher Faktor in dem Kulturfortschritt seines Volks zu sein, das Bewusstsein: all das geistige und sittliche Gut, was du, dich selbst verbrauchend, einem neuen Geschlecht einpflanzest, das wird grünen und blühen in neuem, frischem und ewigem Leben zum Wohle deines Volks: so giebt es auch umgekehrt für den Lehrer nichts Entmutigenderes, als sehen zu müssen, dass das, was er lehrt und erstrebt, von seinem Volke nicht verstanden oder gar verachtet wird. Dann möchte mancher die Waffen strecken, denn nicht jeder ist ein Leonidas, und es giebt mehr als einen Ephialtes. Wenn auch das noch käme, dann möchte es allerdings mit rasender Schnelligkeit bergab gehen, dann hätte, was manche auch so schon befürchten, in Bälde das Sterbestündlein Homers auf deutschen Schulen geschlagen. Das darf nicht geschehen. Darum wollen wir„halten und dauern“, aber nicht müssig und resigniert, wie vielfach bisher, sondern in ernstestem Streben, auf dem Gebiete der Schule sowohl wie dem der Wissenschaft, auf dass das humanistische Gymnasium mit Ehren bestehe in dem nun erst recht beginnenden Kampfe.„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“


