Aufsatz 
Revision der deutschen handelsgeographischen Literatur, hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte des Schulbedürfnisses / [Janson]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

tragen bereits bemerkbar, und zwar nicht in reinen Handels- und Industrialstädten allein, sondern ausweislich der Programme der Dorotheenstädtischen Realschule und der Friedrich-Wilhelmsstädtischen Höheren Lehranstalt auch in Residenzen wie Berlin.

Dadurch ist die Handelsgeographie als Bildungsgegenstand für Schulen zur offenen Frage und eine Untersuchung ihrer pädagogischen Qualification zum dringenden Bedürf- nisse geworden. Dasselbe zu befriedigen erörterte im Jahre 1847 bereits der Rector der NürnbergerHandelsgewerbschule das Verhältniss zwischen der allgemeinen und der Handelsgeographie.*) Meines Wissens ist jedoch Hopf bis heute der einzige Schulmann, welcher diesen Gegenstand behandelt hat; denn auch die Anregung, welche dieHöhere Bürgerschule von Vogel und Körner in ihrer Neujahrsrundschau**) von 1856 durch Aufwerfung der Frage gab, wie weit die Realschule die Handelsgeographie zu berück- sichtigen habe, ist bis jetzt ohne Frucht geblieben. Ein ununterbrochenes Schweigen ruht auf der Sache, obschon sie lebhaft genug an die Schulthüre klopft und an vielen Orten schon Einlaſs gefunden hat.

2. Handelsgeographie und Handelsgeschichte.

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich als einen Grund dieses beharrlichen Schwei- gens den Umstand betrachte, dass die Handelsgeographie von den Wegen, welche die Männer der pädagogischen Tagesfrage im Gebiete der Literatur zu verfolgen pflegen, etwas weit seitab liegt, und dass daher die Bekanntschaft mit dem specifischen Charakter dieses Gegenstandes und seiner Literatur nicht groſs genug ist, um zu einer entschei- denden Antwort auf jene Frage zu befähigen.

Sollte hierin eine Verschuldung liegen, so trägt die Beschaffenheit der handels- geographischen Literatur einen groſsen Theil davon. Es waltet auf diesem Gebiete eine traurige Oede. Die Sprache ist reizlos, der Inhalt ohne Anmuth. Mit dem anatomischen Messer der statistischen Methode dringt man in den reichgegliederten, blühenden Körper des Verkehrslebens der Erde ein, um Muskeln, Sehnen und Knochen bloss zu legen und alle wohl geordnet, gezühlt, gemessen schlieſslich liegen zu lassen. Die tausend auseinander genommenen Rädchen der weitverzweigten Maschine wieder zusammen zu setzen und arbeiten zu lassen, hat man noch immer die Mühe gescheut. Nur der rech- nende Statistiker betritt dieses Feld mit Nutzen und Vergnügen, und nur das calculirende Interesse des Kaufmanns, der den grossen Verkehr aus täglicher Anschauung kennt, überwindet die Trockenheit dieses Stoffes um der Resultate willen. Der Lehrerwelt

*) S. das Programm dieser Anstalt vom Jahre 1847. **) Heft 1, S. 2.