Das chronologische Prinzip Platos.
Die Zeitrechnung der Athener, wohl die hervorragendste chronologische Schöpfung des Alter- tums, hat durch ihren Einfluß auf die Gestaltung späterer Zeitsysteme und insbesondere unserer eigenen Zeit- und Festrechnung eine über ihren ursprünglichen Wirkungskreis weit hinausgehende Bedeutung erlangt.— Von der in Alexandria, neben der heimischen Chronologie, eingebürgerten Zeitrechnung Athens entlehnte zunächst Cäsar die astronomischen und technischen Grundlagen der römisch-julianischen Zeitrechnung. Als Poten= war diese in der attischen Chronologie von Alters her enthalten; sie wartete gleichsam nur auf die Entwickelung, welche ihr Cdäsar gegeben hat und welche ihr die Griechen selbst aus rituellen Gründen nicht geben konnten.— Auf dem Boden
der Alexandriner, welche allmählich in der ganzen Christenheit zur Herrschaft gelangte, noch heute unverändert in der griechisch-katholischen Kirche fortbesteht und in ihrer eigentümlichen An- gliederung an die ägyptisch-römische Zeitrechnung das Vorbild für die dionysianische und gregori- anische Chronologie lieferte. Die beiden, der attischen Zeitrechnung, immanenten Systeme des gebundenen Mondjahrs und des Sonnenjahrs, welche in Athen und Rom nur einseitig zur Geltung gekommen waren, übernahmen in Alexandria zum ersten Male eine selbständige chronologische Auf- gabe, indem das eine ausschließlich der Festrechnung, das andere der Zeitrechnung unterstellt wurde.
Die unmittelbaren Nachrichten, welche von der Zeitrechnung Attikas auf uns gekommen sind, stehen nun aber in einem auffallenden Mißverhältnisse zu ihrer historischen und chronologischen Wichtigkeit; vielfach sind sie so dürftig und summarisch, daß wir selbst über die notwendigsten Einzeln- heiten in Ungewibheit gelassen werden. Dieser Mangel zuverlässiger und umfassender Berichte wird indessen durch zwei Umstände, welche wir, genau genommen, nur einer Gunst des Zufalls zu danken haben, weniger fühlbar.— Vor allem ist nämlich das astrono mische Prinzip der attischen Zeitrechnung durch eine gelegentlich hingeworfene Bemerkung Platos in der Hauptsache gesichert. Vermöge dieses Prinzips wird zunächst der streitigste Punkt der attischen Zeitrechnung, die Lage des Neujahrstags und die Folge der embolimäischen Jahre, einer Art von Berechnung fähig, so daß wir ein Mittel haben, vorläufig wenigstens die Grundpfeiler der cyklischen Theorie des Systems wieder herzustellen.— Außerdem besitzen wir, wie schon oben angedeutet wurde, in der Oster rechnung der Alexandriner auch noch ein vollständiges Modell der attischen Chronologie, das alle Züge des Urbilds klar erkennen läßt und die Möglichkeit gewährt, auch da ergänzend einzugreifen, wo
zwar gerade bei den namhaftesten Forschern der Neuzeit auf Widerspruch gestoßen. Man sah sich 1


