34 liefert unsere, für den in Rede stehenden Zeitraum aufgestellte Gleichung(IV): 1. Hekat. Ol. 208, 1 = 5. Juli und 1. Hekat. Ol. 208,2= 24. Juni, demnach ein Gemeinjahr— ein Resultat, welches die fortdauernde Geltung des Platonischen Princips auf eine eklatante Weise bestätigt. Denn die Gleichung(IV) ist lediglich unter Voraussetzung dieses Princips und unabhängig von allen etwa vorhandenen chronologischen Angaben gefunden worden.
Schluss. Jede Zeitrechnung charakterisiert sich durch ihren Inhalt und ihre Form und entwickelt sich demgemäß unter dem Einflusse eines Real- und eines Formalprincips. Das Realprincip der attischen
Zeitrechnung läßt sich durch die Gleichung aussprechen: 1. Hekatombäon= Numenie auf oder nach der Sommerwende, das Formalprincip: erster Hekatombäon= Sommerwende+† n. 19— p. 11.
Wäͤhrend letzteres nur eine accidentielle Bedeutung hat und sich ändern kann, ohne daß dadurch das Wesen der Zeitrechnung afficiert wird, erscheint das Realprincip, wie für jedes chronologische System, so auch für die attische Zeitrechnung als essentiell. Es haucht ihr von Anfang an einen ganz bestimmten Geist ein, beherrscht und leitet alle Veränderungen, welche nach und nach in den astronomischen Grundlagen eintreten, und vereinigt so die einzelnen Glieder zu einem fortlaufenden, lebendigen Ganzen.— Die Begründung und Sicherstellung der Principien mußte demnach als unsere wesentlichste, ja in gewissem Sinne als unsere ausschließliche Aufgabe betrachtet werden. Denn zur Sicherstellung genügt es nicht, die Principien von anscheinenden Widersprüchen zu reinigen und die gegen sie erhobenen Einwände zu entkräften; von ausschlaggebender Bedeutung ist erst der Nachweis, daß die ihnen adäquat konstruierten Schaltkreise auch zur Darstellung der überlieferten chronologischen Thatsachen befühigt erscheinen, und zwar ohne zu gewaltsamen Textänderungen und naturwidrigen oder grundlosen Hypothesen greifen zu müssen.
Die Zeitrechnung der Athener hatte sich durch die einseitige Pflege des gebundenen Mond- jahrs in einen schroffen Gegensatz zum bürgerlichen Leben gestellt, das nur im Anschlusse an das natürliche Jahr ausreichende Befriedigung findet.— Zwar machen gewichtige Gründe(die 30 tägigen Monate des Hesiod und Hippokrates, das tropische Jahr Homers und teilweise auch des Thukydides, das Rätsel des Kleobulus, die Einteilung der attischen Bürger in 12 Phratrien und 360 Geschlechter, die 360 Statuen des Demetrius Phalereus, die 365 purpurfarbenen Bänder im feierlichen Aufzuge der Daphnephorien, ferner die systematische Ausbildung des Prometheischen Jahrs, wie sie uns in des Aratos Sternerscheinungen vorliegt, vor allem aber das ausdrückliche Zeugnis des Theodorus Gaza, vergl. S. 14), den außeramtlichen Gebrauch einer auf das Sonnenjahr und die Sonnenmonate gegründeten Zeitrechnung im hohen Grade wahrscheinlich, und in der That bplieb den gewerblichen Berufsarten, dem Ackerbau, dem Handel, der Schiffahrt kaum ein anderes Mittel übrig als diese Art chronologischer Selbsthülfe. Allein in Staat und Kirche behauptete, so lange Griechenland seine politische Selbständigkeit bewahrte, die lunisolare Zeitrechnung die unbedingte Herrschaft. Der idealistische Zug einer künstlerisch aufgebauten, überdies als Trägerin des Kultus und durch ihr Alter ehrwürdigen Chronologie scheint der geistigen Disposition der Athener mehr zugesagt zu haben als eine Zeitrechnung nach monotonen Sonnenjahren— die ja, hätten sie davon Gebrauch machen wollen, in ihrem Mondcyklus völlig präformiert vorlag. Es ist nicht zufällig, daß erst auf römischem Boden die Umprägung des attischen Systems in eine Zeitrechnung mit solarem Unterbaue erfolgte. Der Bruch mit dem Sonnenmondjahre erscheint nur als eine Konseduenz der realistischeren Denkweise der Römer.


