Aufsatz 
Über die Akatastasie : eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkte
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Rede

zur Feier des vierten Säcularfestes der Geburnt Dnr. Martin Luthers von

Oberlehrer Pfarrer Israsl.*)

Die vierte Säcularfeier zum Gedächtnis der Geburt Dr. Martin Luthers, die wir jetzt begehen, hat im ganzen Deutschen Volke und über Deutschlands Grenzen hinaus, überall wo evangelische, zumal lutherische, Christen sind, eine freudige Bewegung hervorgerufen. Rüstet man sich doch seit Monaten überall zu der Feier dieses hehren Gedenktages, und alle Kreise der Evan- gelischen, mögen sie unter sich auch die schärfsten Gegensätze bilden, wetteifern, den Mann zu ehren, welcher in der That der Stolz des deutschen Namens ist. Aber nicht nur evangelische Christen, sondern auch Katholiken auf der einen und Freigeister auf der andern Seite, wissen gleich anerkennend von ihm zu reden; dass Luther eine Grösse sei, darin sind Alle einig. Aus katholischer Feder sind die anerkennenden Worte geflossen:Luther ist der gewaltigste Volks- mann, der populärste Charakter, den Deutschland je besessen. Vor der Uberlegenheit und schöpferi- schen Energie dieses Geistes bog damals der aufstrebende, thatkräftige Teil der Nation demutsvoll und gläubig die Kniee. In ilm, in dieser Verbindung von Kraft und Geist, erkannten sie ihren Meister. er erschien ihnen als der Heros, in welchem die Nation mit allen ihren Eigentümlichkeiten sich verkörpert habe. So ein katholischer Schriftsteller in dem Augenblick, wo er Luther als Irrlehrer verurteilt. An Luther geht auch ein Heinrich Heine. vor dessen Spott selbst das Erhabene nicht sicher war, mit ehrerbietigster Scheu und den ernsten Worten vorüber:Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter verdanken und von dessen Wolthaten wir noch heute leben. Er schuf die neuhochdeutsche Sprache; dies geschah, indem er die Bibel übersetzte. Ist doch diese Übersetzung nach dem Worte des Altmeisters der deutschen Sprache, Jacob Grimm, Kern und Grundlage der neuhochdeutschen Sprachniedersetzung, und was den Geist und Leib dieser Sprache genährt, verjüngt, was endlich Blüten einer neuen Poesie getragen hat, verdanken wir keinem mehr als Luther. So müssen sie denn wol Alle die- sen Mann als eine Grösse ersten Ranges anerkennen. Doch gilt diese allgemeine Anerkennung zumeist nur der literarischen Grösse Luthers. Aber es ist nicht die literarische Bedeutung dieses

. *) Gehalten am 10. November 1883 in der Realschule au Hanau und auf den ausdrücklichen Wunsch vieler Zuhörer abgedruckt.