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Grössten unter den Deutschen, deren Preis uns hier versammelt, nicht Luther der Dichter und Tonsetzer, der das evangelische Kirchenlied erschuf, nicht der Urklassiker der deutschen Prosa, der unübertroffene Redner soll uns hier beschäftigen,— wir haben jetzt von Luthers religiöser Bedeutung, wir haben davon zu reden, was seine eigentliche Grösse ausmacht. der alle soeben erwähnten Seiten nur dienen, der sie unbedingt untergeordnet sind; Luther, der Reformator, oder seine Bedeutung für das Gesammtleben der Kirche, soll hier kurz erörtert werden, wenn auch nur in den allgemeinsten Zügen.
Und diese reformatorische Bedeutung beruht nicht auf dem mutvollen Kampf gegen das Papsttum und gegen Menschensatzungen in der Kirche, gegen Missbräuche, welche Herrschsucht und Habsucht hervorgerufen hatten, wie auch die katholische Kirche durch Beseitigung derselben anerkannt hat, seine reformatorische Grösse ruht nicht in den mächtigen Geisterschlachten, die der eine Mann mit dem plitzenden Schwerte seines Geistes gegen die höchsten Mächte auf Erden allein geschlagen und sieghaft durchgekämpft hat, Luthers wahre Bedeutung ruht nicht auf der Nega- tion, sondern auf der Position. Er hat ein bis dahin von der Christenheit noch nicht erlebtes Moment der göttlichen Offenbarung, der Gnade Gottes in Christo Jesu an sich selbst erlebt und der Christenheit zum Miterleben und Nacherleben dargeboten: nämlich die Aneignung der Erlösung von der Sünde und vom ewigen Tode mittels des Glaubens. Durch den Glauben allein kann das Werk der Erlösung unser Eigentum werden. Niemand seit dem Apostel Paulus hat den Glauben an die Vergebung der Sünde allein aus Gnade und ohne unsere Werke so stark und grossartig gehabt, als er, weil Niemand unter allen Menschen seit der Apostel Zeiten bis auf diesen Tag ein so tiefes, der Offenbarung auf das Vollständigste entsprechende Sündenbewusstsein gehabt hat, als er. Dies also, die tiefe Erkenntniss dessen, was Sünde ist, und die Heilung und Rettung von derselben allein durch die Gnade Gottes, welche durch den Glauben ergriffen wird— dies ist das kirchenhistorische Moment, welches einen mehr als tausendjährigen Bann der Geister bricht, dies ist zugleich das universalhistorische Moment, der eigentliche Angelpunkt, um den sich auch die gesammte politische Geschichte Europas im Reformationszeitalter dreht.
Um aber nun die Bedeutung Luthers für das Gesammtleben der Kirche zu verstehen und zu würdigen, ist es unerlässlich, eine correkte Anschanung von der Geschichte der christlichen Kirche zu haben oder mit andern Worten: den Gang Gottes durch die Jahrhunderte der Kirche zu verstehen. Denn der Herr selbst leitet seine Kirche nach den unzweideutigsten Aussprüchen des Neuen Testamentes und führt ihr Schifflein durch alle Sündenstürme der gottfeindlichen Welt, aber auch der Menschheit, welche die Kirche bildet, hindurch, durch alle Klippen der traurigsten Verirrungen, des Fanatismus, der aus Hochmut und Selbstsucht zusammengesetzt ist, durch die Glut der Scheiterhaufen und die Mordthaten der Inquisition, welche längst von Niemandem mehr verteidigt werden. Die Geschichte der Kirche besteht in dem nach und nach in bestimmter Ordnung erfolgenden Ausschöpfen, Nacherleben und Durchleben des Inhaltes der göttlichen Offen- barung im Neuen Testamente.„Denn was sich zur Zeit Christi in einem reichen, tiefen und mächtigen Strom von Gottesgnade ausgoss in die Welt, das ist der Welt also gegeben, dass eine Welle dieses Stromes nach der andern hinabrauscht durch die Jahrhunderte und Jahrtausende zu den Geschlechtern, welche harrend und hoffend an den Ufern dieses Stromes stehen“! Oder anders: die Fülle der Offenbarung ist zu gross, als dass sie auf einmal in gleicher Weise erfasst und
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