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rungen der Kirche aus den früheren Jahrhunderten werden dann nicht mehr berücksichtigt, und die Glaubenssätze, in welchen die Kirche diese Erfahrungen niedergelegt hat, sollen nicht mehr gelten. Man verkennt, dass das Erleben der Heilswahrheiten der heiligen Schrift an einen lang- sam sich vollziehenden historischen Prozess gebunden ist. Man verkennt, dass diese Erlebnisse, welche die Kirche in ihren Glaubenssätzen niedergelegt hat, Resultate furchtbarster Kämpfe sind, in denen sich Gegensätze entwickelten, welche in dieser Schärfe nie wieder auftreten, dass Vor- aussetzungen zum sieghaften Bestehen dieser Kämpfe gegeben waren, welche ebenfalls nicht wieder- kehren, und dass wir also an den grossen Zeiten der Vergangenheit zu lernen haben und auf Grund dieser Resultate allein fortschreiten und neue Erlebnisse machen können. Wie weit gedenkt der Subjektivismus lzu gelangen, der der Kirche ihre Geschichte ableugnet, wenn er es unternimmt, etwa alle die Stadien des historischen Prozesses, den die Kirche in fast 2 Jahrtausenden durch- laufen hat, in sich reproducieren zu wollen? Eins wird auf diesem Wege sicher erreicht, nämlich die Auflösung des objektiven Bestandes der Kirche und eine bis ins Unendliche gehende Spaltung, ganz gerade so, wie der antihistorische Sinn auf weltlichem Gebiete zur Auflösung aller alten Bestände im Volke und zu dessen Atomisierung führen muss.
Culturzustände, wie die gegenwärtigen, sind der hier behandelten gefährlichen Seelen- krankheit sehr förderlich. Ieh will davon absehen, dass sie auch vielfach erkauft sind auf Kosten des sittlichen Fonds und eine erschreckende Sittenverwilderung nach sich gezogen haben, ich will nur auf die Seelengefahr hinweisen, welche in dem modernen Weltverkehr an sich zwar nicht zu liegen braucht, factisch aber doch liegt. Derselbe bringt eine so unendliche geistige Reibung hervor, nberschüttet die moderne Welt mit einer solchen Masse von Eindrücken und Gedanken, dass eine tormliche Ideenflucht in dem gegenwärtigen Geschlechte erzeugt worden ist und dass ein Verweilen bei einem Gedanken, eine Hingabe an Eins bei ganz breiten Schichten von Menschen fast zur Unmöglichkeit geworden ist. Hiermit aber hat die furchtbare Gefahr für das nationale Leben der modernen Völker, diese verderbliche Richtung auf die Gegenwart, ja auf den Augenblick der Gegen- wart, eine viel schlimmere Basis als sie im Leben der antiken Völker gegeben war. Der Unruhe im äusseren Leben kann kein Halt geboten werden, sie wird zuversichtlich noch zunehmen, und diese Beweglichkeit ist auch gar kein Gegenstand des Schreckens oder ein Unglück, wenn wir sie nur durch eine feste Ruhe in uns bemeistern können. Unser Volk hat mehr Zeiten einer Alles ergreifenden und es bis in seine Tiefen erschütternden Unruhe durchlebt und überdauert, denken wir nur an die Völkerwanderung, oder an das rastlose Vorwärtsstürmen im äusseren Leben durch die Buchdruckerei, durch die Schifffahrt und den Handel nach beiden Indien, durch die Umgestal- tung der Kriegskunst und der Politik. Im ersten Falle bot das Christentum, aber nur das wahre, unverfäülschte und unverkürzte, den festen Halt- und Ruhepunkt, der die germanischen Stämme innerlich consolidierte und erhielt, was der arianische Glaube bei West- und Ostgothen, Alanen uand Vandalen nicht vermocht hat; im anderen Falle war es das durch die Reformation auf allen Seiten erneuerte christliche Bewustsein, welches den festen Standpunkt verlieh, diese äussere Un- ruhe und Beweglichkeit bemeistern zu können. Und so wird denn auch die moderne Welt einzig and allein durch den christlichen Glauben, als durch die historische Bedingung ihrer Existenz, einen Halt teils wiedergewinnen, teils behaupten können, oder aber es werden die Culturkrankheiten und nicht an letzter Stelle die Akatastasie dieselbe Wirkung äussern, die sie bei Griechen und Römern gehabt haben. 3
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