Aufsatz 
Über die Akatastasie : eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkte
Entstehung
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leicht und gern, vielleicht gar freudig und begierig auf; aber wie? Wie jeden anderen geistigen Reiz, der sonst geboten wird, sie lassen sich von dem Evangelium anziehen, bewegen, rühren, aber in die Tiefe ihres Herzens lassen sie es nicht eindringen. Sie erfassen, wie sie von allen Erscheinungen nur die Form, die äussere Schale nehmen, so auch vom Worte Gottes nur gewisser- massen die äussere Hülse, nicht das gotterfüllte Wort selbst, sondern nur einen Schatten, nur ein Bild desselben neben andern Schatten und Bildern, mit denen sie die Seele füllen wollen. Daher kommt es denn, dass die Seele von der Gabe Gottes nicht befriedigt, von dem Brote des Lebens nicht gesättigt, mit dem lebendigen Wasser nicht getränkt wird, also dass sie nicht wieder dür- stete. Im Gegenteil, sie will mehr haben, sie ist abermals hungrig, aber nur nach abermaligen Reizen, und wenn diese nicht fort und fort kommen, entsteht das Gefühl der Unbefriedigtheit an der Einfachheit des Wortes Gottes. Es wird immer Stärkeres, immer Reizenderes und Pikanteres verlangt, und nur dies menschliche Beiwerk, oft genug aus der Eitelkeit des Predigers hervor- gehend, wird allein aufgefasst. Daher dann die gänzliche Fruchtlosigkeit, im besten Falle nur die hohle und widerwärtige Plauderei von christlichen Dingen in der angelernten Sprache Canaans. aber keine That des Lebens; von Thaten ist überhaupt in diesem sentimentalen, d. h. an Empfin- dungen. Stimmungen und augenblickliche Erregungen hingegebenen Christentum, das man ja von einfacher Heuchelei unterscheiden möge, nicht die Rede. Zu Schattenbildern von inneren Thaten und Selbsttäuschungen können sie es wohl bringen, diese àzardoraro; sie tragen das Verlangen, tromm zu werden, sie hören, dass ein bekehrter Mensch oftmals so freudig in seinem Glauben sei, visweilen so gute Empfindungen von der Gnade Gottes, ja sogar einen Vorschmack des ewigen Lebens habe, dass er so andächtig und zuversichtlich beten könne und überhaupt so fest von sei- nem Gnadenstand überzeugt sei, da denken sie dann, sie wollen es auch machen, dass sie dieses Alles bei sich wahrnehmen und von sich sagen könnten, und bemühen sich, gute Empfindungen in sich zu erzeugen. Hören sie von den Kindern Gottes eine Seelenführung erzählen, so besinnen sie sich, ob sie nicht eben dasselbe an sich erfahren haben, und ihre Phantasie lässt ihnen keine Ruhe, bis sie eine ähnliche Vorstellung hervorbringen. Ja sogar die Versuchungen und Anfech- rungen, welche andere erfahren haben, wollen solche Menschen auch bei sich verspürt haben und setzen so in leere Nachahmungen das Wesen der Sache. Auf diesem Wege entwickelt sich dann die Herrschaft des leeren Wortes, das leere Bekenntnis, dessen meist sehr formgerechte Träger sich und ihre Kreise täuschen. Sie können indessen geraume Zeit in solcher Selbsttäuschung dabingehen, bis sich Trübsal, Leiden und Verfolgungen erheben, dann tritt meist Widerwille gegen alle bisherigen Spiele und Reize der Seele ein und gegen das Evangelium gewöhnlich zuerst. Der Same verdorrt im Sonnenbrand, denn sie haben nicht Wurzel in sich, in der Tiefe der Seele sind sie Fels sie haben, wie der Apostel Paulus 2. Cor., 6 sagt: umsonst geglaubt.

Doch setzen wir einmal noch nicht den durch die Akatastasie herbeigeführten Abfall und schen wir ab von den Gefahren für den Einzelnen, sehen wir vielmehr einmal nach der verderb- lichen Richtung, welche sie innerhalb der Kirche hervorbringen kann.

Macht der antihistorische Sinn, der so recht ein Kind der Unbeständigkeit der Seele ist, schon auf weltlichem Gebiete so unfähig, dass man nicht mehr zu erkennen vermag, in welchem Stadium des Völkerlebens man angelangt ist und dass man nicht mehr beurteilen kann, was wah- rer Fortschritt und Rückschritt ist, wie zerstörend und vernichtend muss es da für die christliche Erkenntnis wirken, wenn man nicht mehr aus der Vergangenheit leben will. Die grossen Erfah-