Aufsatz 
Über die Akatastasie : eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkte
Entstehung
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historischer Weisheit zeigen, dass hierdurch die Hindus und Chinesen und die anderen Völker des Ostens in Barbarei geraten seien. Hier verkennt man aber, dass die Völker des Westens nicht, dieser Gefahr der Erstarrung ausgesetzt sind, sondern dass ihre Gefahr vielmehr in der Uberhäufung mit neuen und immer neuen Lebensstoffen besteht, und dass das rastlose Streben dieser thätigen und energischen Völker in seiner Loslösung von der Vergangenheit zur Selbstzerstörung führen muss.*) Diese Erkenntnis hat schon das germanische Heidentum, wie der uralte Mythus von der Esche VYggdrasil, dem Weltbaume, beweist. Urd, die Norne der Vergangenheit sitzt an dem Brunnen, welcher der Wurzel, die zu den Menschen führt, verjüngende Kraft gibt. Das Volks- leben, sagt dieser Mythus, muss aus dem Brunnen der Vergangenheit erfrischt werden, aus dem Strome der Überlieferung, der aus der Vorzeit herfliesst; das Volk darf sein geschichtliches Be- wusstsein nicht verlieren, wenn es nicht vor der Zeit altern soll. Wie klein und kindisch-greisen- haft sind dagegen die Zeiten, in denen die Akatastasie zur Herrschaft im politischen Leben gelangt ist und die aus der Geschichte überhaupt nichts, nicht einmal aus der Geschichte des eigenen Volkes etwas lernen können? Alle alten Bestände, alle Institute, an denen J ahrhunderte geschaffen haben, müssen über Bord geworfen werden, damit man Kartenhäuslein an deren Stelle setze, deren baldige Zerstörungder Neuerungssucht wieder neue Nahrung liefert, alle festen Formen werden ge- hasst, weil sie eben über die launenhafte Willkür erhaben sind. Ein besonderes Symptom dieser aus der Unbeständigkeit fliessenden geistigen Schwäche ist die Unfähigkeit Gesetze zu schaffen, welche durch Allgemeinheit und Unbedingtheit die Garantie einer langen Dauer in sich tragen. Um historische Beispiele wird der geneigte Leser, der mit mir in dem noch nicht abgeschlossenen Jahrhundert der Revolutionen lebt, nicht in Verlegenheit sein.

Wir haben bis hierher nur die Zerstörungen betrachtet, welche die Akatastasie auf dem Gebiete des rein natürlichen Lebens anrichtet, und wenden uns nun noch zu einer kurzen Betrachtung der Verwüstungen, welche sie auf dem geistlichen Gebiete des Christen- t ums verursacht.:

Vor allen Dingen zerstört diese Sucht nach augenblicklicher Unterhaltung und neuen Reizen ein gedeihliches Anhören des Wortes Gottes von Grund aus. Vielleicht könnte man mir einwerfen, dass die in diesem Krankheitszustand sich Befindenden von vorn herein die Predigt des Wortes gar nicht hören wollten; aber dem ist nicht so, denn gerade die Diener der Augenlust haben oft ein recht williges Ohr für das Wort, und zu Zeiten bilden sie sogar eine erhebliche Schicht der Zuhörer. Sind sie doch die leichteren, beweglichen, erregbaren, dem Worte Gottes gegenüber oft sehr empfänglichen, aber auch sehr oberflächlichen Gemüter. Sie nehmen nach der Darstellung unseres Herrn Jesu selbst in dem Gleichnis vom Säemann das Evangelium

*) Anmerkung. Der Grundunterschied in der geistigen Physiognomie der östlichen, grossen asiatischen Völker von den westlichen Europäern liegt darin, dass bei jenen das einzelne Individuum sich von der Masse nicht loszulösen und sich derselben nicht entgegenzusetzen vermag, bei diesen aber das Individuum ein Streben nach möglichster Selbständigkeit und geistiger Unabhängigkeit hat. Darum haben jene nur eine sehr langsame Entwicklung, weil der Einzelne so in die Masse gebunden ist, dass er neue und originelle Ideen nur in beschränktestem Masse zu fassen, niemals aber sie energisch geltend zu machen und seiner Zeit vorauszueilen wagt. Bei den Europäern ist das Umgekehrte der Fall, darum geht ihre Entwicklung unendlich rascher und steigert sich in dem Masse, als die geistige Freiheit der Einzelnen zunimmt. Als Perikles die einzelnen Staatsbüger souverain gestellt hatte, zu einer Zeit, in welcher der durch die Traditionen gebotene Schwerpunkt schon nicht mehr vorhanden war, und nun noch die hier beschriebene Culturkrankheit hinzukam, rieb das Volk in rapider Hast nach Neuem seine Kraft auf.