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die dramatische Entwicklung das Stückes gänzlich in den Hintergrund trat, und dass man nur noch einzelne Hauptscenen festhielt und in diesen alle möglichen Effekte zusammenschob. Aber auch so konnte sich der Rest der Tragödie nur bis in’s zweite Jahrhundert halten. Concessionen. welche die Kunst an die Schaulust macht, wie die Tragödie zu Rom that, zerstören dieselbe zu- versichtlich, und man kann sicher darauf gehen, dass die Anforderungen immer grösseren Prunkes, die Anwendung immer grossartigerer Maschinen und immer drastischerer Wirkungen für Auge und Ohr den Untergang der dramatischen Kunst verkündigen, mögen diese Mittel auch einstweilen noch in den Händen gigantischer Genies sein. Was aber von der dramatischen Kunst gilt, gilt mutatis mutandis auch von den übrigen Künsten.
Weit verhängsnisvoller als die Zerstörung der Kunst ist eine andere Wirkung der Akata- stasie, nämlich die Zerstörung des historischen Sinnes. Es liegt auf der Hand, dass die Richtung der Seele auf die wechselnden Eindrücke der augenblicklichen Gegenwart den Sinn für die Vergangenheit schwächt und nach und nach gänzlich beseitigt. Die Herrschaft der Unbestän- digkeit über eine Generation zeigt sich in dieser Hinsicht in einem raschen Erlöschen der Erinne- rung der Ereignisse der nächsten Vergangenheit. Die Folge davon ist, dass Dinge des socialen und politischen Lebens, deren Anfang, Fortgang und klägliches Ende man selbst erlebt hat, aber- mals aufgeführt, für ganz neu gehalten und gepriesen werden und genau denselben Verlauf nehmen können, den sie schon einmal hatten, ohne dass man es merkt. Wen brauche ich noch auf die Kreisbewegung der französischen Geschichte innerhalb des letzten Jahrhunderts hinzuweisen? Wer aber die Fähigkeit verloren hat, aus der Geschichte seiner Zeit etwas zu lernen, der ist auch unfähig, aus der Geschichte überhaupt etwas zu lernen. Das Haften am Alten, die Betrachtung der Geschichte ist einem unbeständigen Geschlechte widerwärtig, da es nur Neues, noch nicht Dagewesenes haben will. So wird denn verkannt, dass die geschichtlichen Bedingungen der Volksexistenz, die in der Vergangenheit liegen, festgehalten werden müssen, wenn das Volk eine Zukunft haben soll, das Erbe der Väter an natürlichen Traditionen wird gleichgültig bei Seite geworfen, es wird nach neuen Lebensstoffen rastlos gestrebt und eine stete, ruhige Entwicklung unmöglich gemacht. Den so vorwärts Strebenden erlischt das historische Verständnis, denn die Anschauungen, Tendenzen, Wünsche der Gegenwart sind das Medium, durch welches sie die Ver- gangenheit sehen, und die sie unwillkürlich, und doch mit bewusstester Absicht in dieselbe hinein- tragen, es beginnt die eigentliche Verfälschung der Geschichte. Es werden die schöpferischen Anfänge des Volkslebens nicht mehr gesehen oder als solche anerkannt, es wird vergessen, dass es auf allen Gebieten Zeiten und Zustände gegeben hat, die schöpferisch waren, und dass nach diesen alle folgenden gemessen werden müssen, dass sie Muster und Vorbilder enthalten, an denen alle folgenden Geschlechter zu zehren haben. Nur einmal hat ein Homer gesungen und nur einmal. ist das Lied von der Nibelungen Not gedichtet worden, aus ihnen allein muss für alle Zeiten gelernt werden, was epische Poësie ist. Die antike Plastik wird das ewige Muster bleiben, an welchem gelernt werden kann, was Formenschönheit ist. Vaterlandsliebe im wahren Sinne hat nur in den Seelen derer eine Stätte, deren Herz und Gemüt mit Freude erfüllt werden an den Gaben, die Gott dem Volke verliehen hat, und an den Trägern dieser Gaben in den früheren Zeiten. Von solchen Wahrheiten will die Akatastasie des Pseudo-Fortschritts, mit dem wir es hier zu thun haben, nichts wissen, er nennt den Hinweis auf die elementarsten Wahrheiten der Geschichte ein starres Festhalten an alten, überlebten und erstorbenen Formen und will uns in vermeintlicher


