Aufsatz 
Über die Akatastasie : eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkte
Entstehung
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Krankheit ausgesetzt, die in ihrem Wesen allgemein menschlich ist, wenn sie auch je nach den Zeiten verschiedenes Gewand anlegt. Es ist immer dasselbe: die Seele wird in die Gegenwart gefesselt und ist auf die möglichst grösste Ausbeutung des Augenblicks gerichtet, sie klammert sich an denselben an, und da sie ihn nicht festhalten kann. den flüchtigen, der nicht verweilt, so soll jeder Tag, ja jede Stunde ihren Tribut liefern. Auch geringere Stadien und scheinbar unschuldige Formen der Akatastasie wirken zerstörend, wenn auch nicht so rapid, und ihre Folgen sind zuletzt dieselben.

Die Folgen der Unbeständigkeit der Seele interessieren uns in culturhistorischer Hinsicht am meisten.

verweilen wir zunächst einmal bei dem rein natürlichen Leben der Völker, einstweilen noch abgesehen von dem christlichen, und betrachten wir hier die Verwüstungen, welche die Akatastasie anrichtet.

So ist sie die Zerstörerin der Kunst, dieser höchsten Blüte des rein natürlich-mensch- lichen Lebens. Es ist arge Kurzsichtigkeit zu glauben, dieselbe werde etwa durch die Schaulust gefördert. Jedes Kunstwerk verlangt eine liebende Hingabe der Seele. Es will betrachtet und sinnig betrachtet werden, es erfordert ein Verweilen, ein Versenken der Seele in den Gedanken des Künstlers, bis es vollständig durchdrungen, seine Hauptidee erfasst und die Harmonie der Teile mit dem Ganzen vollkommen empfunden wird. Das Alles aber ist der von der Akatastasie beherrschten Seele widerwärtig, sie will ja nicht selbstthätig sein, sondern nur von einem sie reizenden Schein beherrscht werden und verlangt nach jedem Augenblick sofort anderes und anderes; die Erfassung eines grossen Gedankens liegt ihr ganz fern. Ist diese Oberflächlichheit in dem Publikum des Künstlers herrschend, so wird er genötigt, um nur einiger Teilnahme sicher zu sein, Drastisches und Pikantes beizumischen; das Bedürfnis danach wird aber stärker und stärker, und nur dies Beiwerk, dieser Pfeffer, wird noch goutiert, und die unreinen Elemente überwuchern und zerstören zuletzt den künstlerischen Gedanken. Auch hier liefert Rom wieder ein Prototyp.. B. in Bezug auf die dramatische Kunst. Die von den Griechen herübergenommene Komödie, in welcher Anfangs sehr bedeutende griechische Schauspieler wirkten, verlor gar bald das Interesse in Rom, selbst bei den Gebildeten. Es war zu viel verlangt, den Reiz der dramatischen Ver- wicklung bei denen vorauszusetzen, die nur sehen und wieder sehen und über dem neuen Eindruck den vorhergehenden vergessen wollten, es mussten Obscönitäten eingeflochten werden, und diese allein erregten noch Aufmerksamkeit und Spannung; und so trug die Komödie ihr gutes Teil zur Sittenverwilderung bei. Sie gieng in Gemeinheit und Possenreisserei unter. Auch das Schicksal der Tragödie war kein anderes. Wie sollte der tragische Tod eines Helden auf der Bühne. der doch nur Schein war, auf solche Gemüter noch wirken, die oft genug mit Behagen Ströme Blutes in den Gladiatorenkämpfen fliessen sahen, die sich an einer Apotheose des Herkules erfreuen konnten, bei welcher ein Sklave in aller krassen Wirklichkeit verbrannt wurde, und sich den Zauber vom Gesange des Orpheus dadurch vergegenwärtigen liessen, dass Schaaren von hungrigen Löwen und Tigern auf einmal losgelassen wurden gegen einen unglücklichen Sänger? Wollte man selbst die Gebildeten noch bei der Tragödie fesseln, so konnte man es nur dadurch, dass man ihnen viel dabei zu sehen gab. Darum musste das grösste Gewicht auf prachtvolle Kostüme, auf grossartige Aufzüge gelegt werden, in denen Hunderte von Personen zu Ross und zu Wagen oder auf weissen Elephanten und Giraffen über die Bühne zogen. Dies Beiwerk überwucherte so, dass