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wurde. Das Volk durch alle Schichten vom Kaiser und den Senatoren herab bis auf die unterste Hefe des Proletariats, das in der Hauptstadt der Welt zusammenfloss, konnte ohne fortwährende Befriedigung der Schaulust gar nicht mehr leben, worauf schon der bekannte Ruf des Volkes: panem et circenses, Brot und Circusspiele hinweist. Das war es, was das Volk allein noch ver- langte, und die Cäsarenthrone wankten, wenn ihm in dieser Beziehung nicht Genüge geschah. Die schlechtesten Kaiser erfreuten sich der Liebe des Volkes ebenso. als die bpesten, ja oft noch viel mehr, wenn sie dem Volke viel zu sehen gaben. Ein Ungeheuer wie Caligula war der Liebling der Frauen, weil er viele Schauspiele und Gladiatorenkämpfe gab, und Nero hatte sich einzig und allein durch seine Freigebigkeit in Schauspielen eine solche Liebe erworben, dass das Volk die Nachricht von seinem Tode nicht glauben wollte und so mehrere Pseudo-Neros auftreten konnten. Auch die besten Kaiser hätten sich nicht halten können, wenn sie nicht die heisshungerige Schaufust des Volkes befriedigt hätten. Augustus übertraf alle durch die Menge und Pracht seiner Schauspiele, der karge Vespasian baute das grösste Amphitheater der Welt. und Titus machte einen enormen Aufwand in Schauspielen. Dass auch Trajan sehr eifrig für die Befrie- digung der Schaulust sorgte, rühmte man ihm als eine besondere Regierungsweisheit nach. Er habe wohl gewusst, sagt ein späterer römischer Schriftsteller. dass das römische Volk vorzüglich an zwei Dingen hänge, an Brot und Schauspielen, und die Trefflichkeit einer Herrschaft erweise sich nicht weniger in der Kurzweil, als im Ernst; der Ernst könne zwar mit grösserem Schaden, die Kurzweil aber zu grösserer Unzufriedenheit verabsäumt werden.„Sogar die Geldverteilungen“, fähnt er fort,„werden mit minder heftigem Verlangen erstrebt, als Schauspiele, durch Geld- und Getreideverteilungen wird nur ein Teil des Volkes und zwar jeder Einzelne beruhigt, durch Schau- spiele das Volk in seiner Gesammtheit“.*) Die erschreckende Grösse dieser Culturkrankheit im alten Rom tritt uns sofort vor die Seele, wenn wir nur einen flüchtigen Blick auf die Geldsummen werfen, welche zur Befriedigung der Schaulust verwendet wurden. Als Herodes von Judäa zu Ehren des Kaisers Augustus ein Festspiel begründen wollte, das sich alle vier Jahre wiederholen sollte, erhielt er vom Kaiser und seiner Gemahlin Livia die dazu nötige Ausrüstung an Kostümen und Decorationen, welche allein 500 Talente. d. i. 786.000 Thaler Wert hatten. Ein kleines Landstädtchen Campaniens wendete für ein dreitägiges Gladiatorenspiel 30,000 Thaler auf. Als Hadrian noch Prätor war und dem Volke Schauspiele veranstaltete, erhielt er dazu vom Kaiser Trajan eine Beisteuer von 200,000 Thalern. Welche Kosten muss es verursacht haben, wenn Cäsar eine Tierhetze in der Arena veranstaltete, bei welcher 40 Elephanten und 400 Löwen zur Verwendung kamen? In den Tierhetzen allein wurden der Schaulust Millionen auf Millionen geopfert; es kam, freilich unbeabsichtigt, noch das Gute dabei heraus, dass die Löwen Afrikas vermindert und Länderstrecken culturfähig wurden, die sonst wegen der Menge der wilden Tiere unbewohnbar waren.
Doch wir haben hier das Übel der Akatastasie in Form der Schaulust in der grössten Ausbildung, die es je in der Menschheit erreicht hat. Nicht nur Rom, sondern die ganze antike Welt litt mehr oder weniger daran, als sie ihrem Untergang entgegeneilte, und hat späteren Völkern die Lehre hinterlassen von der vernichtenden Wirksamkeit dieser Sünde, welche wesent- lich zur Zerstörung des nationalen Lebens beigetragen hat. Denn alle Culturvölker sind dieser
*) Cfr. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. II. Teil.


