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dass diese Krankheit auch innerhalb des rein natürlichen Lebens je nach Zeiten oder Umständen stärker oder schwächer hervortritt, bedarf kaum des Hinweises. Sie ist recht eigentlich das Erbteil des Heidentums, das sein Angesicht von dem lebendigen Gott ab und dem Naturleben allein zuge- wandt hat, nachdem auch die letzten Reminiscenzen an die ursprünglichen Gottestraditionen auf- gezehrt sind. Seine Gedauken sind ganz auf die vergängliche Welt gerichtet und von den irdischen Dingen gefangen genommen, und alle Kräfte des Leibes und der Seele stehen nur im Dienste der Creatur. Selbst dann, wenn sich die Seele des Heiden, des ganz irdisch gewordenen Menschen, etwa durch die Kunst, aus der Sphäre des Gewöhnlichen, Alltäglichen und Ordinären in einen nöheren Gedankenkreis aufschwingt, sie vermag doch nicht aus dem Bereiche des( Creatürlichen zu dringen, bringt es höchstens zu einer vorübergehenden Steigerung desselben Standpunktes und sinkt von der vermeintlichen Höhe sehr natürlich gar bald wieder herab. Es ist ein besonderer Fluch für die Zeiten einer hochgestiegenen Cultur, welche ohne Gott und innerhalb der vom COhristentum abgefallenen Welt im tiefsten Grunde wider Gott entwickelt und gesteigert und auf Kosten des sittlichen Fonds einer Nation erkauft worden ist, dass die Seelen in die Sklaverei der wechselnden Erscheinungen des Augenblickes geraten. Wem fällt hier nicht die Unruhe und Unstätigkeit, die Veränderlichkeit und Neuerungssucht der Griechen in ihren letzten Stadien ein? Sie sind so beherrscht von dem Augenblick, dass im Mittelpunkte ihres Lebens die Frage steht: ri veor, was ihnen Demosthenes so nachdrücklich und doch so vergeblich vorwarf und wovon auch Lucas, der Begleiter des Apostels Paulus, in der Apostelgeschichte Zeugnis ablegt, wenn er sagt: „Die Athener aber Alle, auch die Ausländer und Gäste, waren gerichtet auf nichts Anderes, denn etwas Neues zu sagen oder zu hören“*) Die hochgebildeten Griechen dieser Zeit sind also auf dem Niveau jener Barbaren Galliens angelangt, die uns Cäsar in seinem Gallischen Kriege so charakterstisch beschreibt.**) Und wahrlich nicht blos im gewöhnlichen alltäglichen Leben liessen sich die Griechen von den augenblicklichen Eindrücken, von einem zum andern, ohne Ruhepunkt, ohne Aufatmen der Seele, bestimmen und fortreissen, auch ihr gesammtes politisches Leben wird durch diese Akatastasie bestimmt. Eine Verfassungsform wird durch die andere in schnellstem, launenhaftem Wechsel verdrängt, die Politik wechselt von heute auf morgen, kaum ist ein Bünd- nis geschlossen, so wird es wieder aufgegeben und durch ein neues ersetzt, das bald demselben Schicksal verfällt. Laune und Willkür charakterisieren die Politik nach aussen, Widerwillen gegen jede feste Form das sociale Leben, und die Gesetzmacherei steigert sich zu einer wahren Satzungs- wut. Und war nicht Rom in der Kaiserzeit auch von dieser Krankheit der Akatastasie so heim- gesucht, dass sie den Rest des kernhaften Nationallebens völlig aufzehrte? Verweilen wir nur einmal bei einer für Rom ganz besonders charakteristischen Form der Akatastasie, die uns bei einer Betrachtung des römischen Volkslebens in der Imperatorenzeit sofort in die Augen fällt, bei der Schaulust. Theater, Circusspiele, Gladiatorenkämpfe und allerlei Schaustellungen waren zu einem so unabweisbaren Bedürfnis geworden, dass von ihnen das ganze öffentliche Leben beherrscht.
*) Apostelgesch. XVII, 21.
**) Caesar de bell. Gall. IV, 5. Est enim hoc Gallicae consuetudinis, uti et viatores etiam invitos consistere cogant et, quid quisque eorum de quaque re audierit aut cognoverit, quaerant et mercatores in oppidis vulgus circumsistat quibusque ex regionibus veniant, quasque ibi res cognoverint, pronuntiare cogant. His rebus atque auditionibus permoti de summis saepe rebus consilia ineunt, quorum eos in vestigio poenitere necesse est, cum incertis rumoribus serviant et plerique ad voluntatem eorum ficta respondeant.
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