Aufsatz 
Über die Akatastasie : eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkte
Entstehung
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entlegenster Zeiten. Es ist eine bewunderungswürdige Gewalt der Seele, dass sie diese zahllosen gleichzeitigen und aufeinanderfolgenden Eindrücke auseinander halten und eine wilde Verwirrung und ein chaotisches Durcheinander in der Vorstellung verhüten kann. Auch hierin zeigt sich der Mensch als das Ebenbild Gottes; darum kann es ihm allein gegeben sein, vermöge der aufrechten Stellung seines Körpers, der Weitschaft seines Blickes und der Beweglichkeit seines Hauptes einen grossen Kreis der Erscheinungswelt zu umfassen, während das Tier nur einen ganz kleinen Kreis von Dingen vor sich sieht, und auch der in Wolkenhöhe schwebende Adler sieht senkrecht unter sich nur ein Fleckehen Erde nach dem andern und weidet es ab nach Raub. Der Seele des Menschen ist das Ganze der ihn umgebenden Natur gegeben, in die ihn Gott als den Herrn gesetzt hat, sie soll sich freuen an Allem, was ihr durch die Sinne vermittelt wird, als an Gaben Gottes, dem qafür der Dank gebührt, Natur und Kunst in ihrem weitesten Umfange sollen ihm Mittel sein, Gott zu suchen, und alle Schöpfungen des menschlichen Geistes sollen sich concentrisch um diesen Gedanken an Gott bewegen.

Die Seele kann aber diese Herrschaft über die Erscheinungswelt auch einbüssen, dann nämlich, wenn sie die einzige Realität, qie sie in voller Wesenheit in sich aufzunehmen im Stande ist, Gott, aus dem Mittelpunkte ihres Daseins verliert, mag sie auch ein Schattenbild von dem- selben gleich den Bildern aller andern Dinge noch behalten. Hat sie aber Gott verloren, dann ist sie leer geworden, hat den festen Halt für ihre Herrschaft eingebüsst: nimmt nicht in activer Weise die Bilder der Dinge in sich auf, sondern wird ihnen gegenüber p assiv, an sie hingegeben. sucht sich an der Stelle des verlorenen Gottes wieder füllen zu lassen mit einem Inhalte, sucht Befriedigung in dem, was das Auge erfreut, wird aber selbstverständlich nur mit wesenlosen zildern und Vorstellungen gespeist, sucht sich also mit Schatten und Nichtigkeiten nähren und sättigen zu lassen, worüber ihr Hunger nur grösser wird. Daher erklärt sich denn das Wachsen der Sünden dieses Kreises, deren Operationsbasis meist die Seele im engeren Sinne(wuxi) ist, in's Gigantische, wie es jedermann z. B. von den Lastern der Eitelkeit und des Geizes ohne weiteres weiss, wie es sich aber auch von allen übrigen Erscheinungen dieser Sünden schlagend nach- weisen lässt. Diese widergöttliche Hingabe der Seele an die Greatur oder vielmehr an die Form der OCreatur ist die Augenlust. Da aber das Gebiet der Erscheinungsformen der Dinge ein fast unübersehbar grosses ist, so ist auch die Zahl der Sünden dieses Kreises ausserordentlich gross.*) Was uns hier auf dem Gebiete der Akatastasie, Unbe- ständigkeit, angeht, ist die Lust an den Erscheinungen der Greaturen in ihrer Veränderlichkeit, das Wolgefallen an der reinen Zeitlichkeit und Vergäng- lichkeit, an der Leerheit und Nichtigkeit. Die Seele lässt sich von den Eindrücken der augenblicklichen Gegenwart völlig hinnehmen, geht in der Gegenwart unter und vergisst Vergangenheit und Zukunft, ja sie vergisst bei jedem neuen Eindruck den unmittelbar vorher- gegangenen und wird gänzlich abhängig von der Abwechslung der Erscheinungen, von der Ver- änderlichkeit und Hinfälligkeit.

Dass natürlich dieser pathologische Seelenzustand von jeher vorhanden gewesen ist, S0 lange die Sünde in der Welt war, dass er durch die Kraft des Wottes Gottes überwunden wird

und abnimmt oder zunimmt, je nachdem wir diese Kraft auf uns und in uns wirken lassen,

*) Ofr. Theologische Moral. Akademische Vorlesungen von Dr. A. F. C. Vilmar, herausgegeben von C. Chr. Israël, Thl. I., Cap. IV.