Uiber die Akatastasie
(dzꝝαraoradic)
(eine moraltheologische Erörterung unter dem pathologischen und culturhistorischen Gesichtspunkte vom Oberlehrer Pfarrer C. Chr. Israsl.
Bei der Erörterung des pathologischen Zustandes der Seele, welchen die heilige Schrift mit dem Worte ααaoracia(Jacob. 3. 16, 2. Cor. 12, 20, Jacob. 1. 8) bezeichnet, von Luther richtig mit„Unbeständigkeit“(animi inconstantia), zum Teil mit„Unordnung“ wieder gegeben, befinden wir uns auf dem grossen Gebiete der Seelensünden oder der Sünden der Augenlust. Um das Wesen derselben und unter ihnen besonders das der Akatastasie zu verstehen, jener Seelen- krankheit, die im Völkerleben so ungemein folgenschwer ist und nicht zum geringsten Teil den Untergang der alten Culturvölker herbeigeführt hat und auch an den Lebenswurzeln der modernen Welt nagt, sind einige Vorbemerkungen über das Leben der Seele unerlässlich.
Wenn Göthe ausruft:„Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser“, so kann er in der That kein treffenderes Bild wählen, nicht nur insofern, als keine Naturerscheinung die seelische Beweglichkeit und Empfindlichkeit, das Wogen und Schwanken, das Sich-senken und heben deutlicher abbildet als das Wasser, sondern auch namentlich insofern, als die Seele die Fähigkeit hat, die Bilder der Welt der Erscheinungen in sich aufzunehmen, wie der klare, glatte See den Himmel über sich und Wald und Wiese an seinen Ufern widerspiegelt. Sind doch die Worte Seele und See auf's engste miteinander verwandt. Das Auge kann nicht den Stoff der Dinge, sondern nur deren Gestalt, das Ohr nur das Resultat der Bewegungen der Dinge ergreifen, auch das Vermögen des Denkens und psychischen Empfindens können nicht Dinge an sich, sondern nur deren Erscheinungen erfassen. Aber während die Seele der Welt gegenüber nur Bilder der- selben in sich aufnehmen kann, so ist sie einer Realität gegenüber im Stande, diese in ihrer ganzen Wesenheit in sich aufzunehmen, nämlich Gott. Über diese zahllosen Bilder der Erscheinungswelt nun, welche sich in der Seele abspiegeln, herrscht dieselbe und soll über sie herrschen nach dem Worte Gottes, dass sich der Mensch die Erde soll unterthan machen und das auch diese Herrschaft in sich schliesst. Sie kann in wunderbarer Beweglichkeit durch Berg und Thal, über Land und Meer, von der kleinen Welt dieser Erde bis hinauf zu fernesten Sternenbahnen durch- dringen, ohne sich dabei zu verlieren, ja sie durchmisst die Bilder einer vergangenen Erscheinungswelt und fliegt in wenigen Augenblicken durch alle Jahrhunderte und die Geschichte
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