Aufsatz 
Herder und Schillers Wallenstein
Entstehung
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Was thu' ich anderes, als jener Cäsar that?

Wenn die hier vorgetragene Combination begründet und soviel Einklang und Anklang nicht Zufall ist und es würde doch wohl ein gar zu zufälliger Zufall sein, so ist eine weitere und wichtigere Vermutung nahegelegt, die nämlich, daſs auch an der Einführung des Motives selber in den Wallenstein-Plan, das für Anlage und Cha- rakter des Stückes so folgenreich werden sollte, eben der Schicksalsidee, Herders Medi- tationen in Schillers Zeitschrift ihren Anteil gehabt haben mögen. Eine frühere Spur dieser Idee im Zusammenhang mit dem Wallenstein ist übrigens, soviel ich weiſs, nicht bekannt. Wilhelm von Humboldts Brief an Schiller, in dem er so tief in unseres Dichters künstlerische Art und Bestimmung eindringt, den Kampf eines Menschen mit dem Schicksal als den wahren Gegenstand der tragischen oder heroischen Poesie bezeichnet und in diesem Zusammenhange auch den Wallenstein erwähnt, ist erst im Oktober 1795 ge- schrieben, Schillers eigene, oft angeführte und oft übersehene Kuſserung, das eigentliche Schicksal thue in seinem Stück noch zu wenig und der eigene Fehler des Helden noch zu viel zu seinem Unglück, steht in dem Brief an Goethe vom 28. November 1796, und wieder ein Jahr später, am 2. Oktober 1797 erwähnt er, Goethe über seine Arbeit am Wallenstein berichtend, den Oedipus. Demselben Jahre gehört auch der bekannte Aufsatz der Freunde»Uber epische und dramatische Dichtung« an, der für beide Gattungen neben der physischen und der sittlichen Welt noch eine dritte fordert, die Welt der Phantasieen, Ahnungen, Erscheinungen, Zufälle und Schicksale.

Eine gewisse Congruenz der Schicksalsbegriffe bei Herder und bei Schiller läſst sich erkennen. So vag und schwer faſsbar sie bei beiden sind ¹), vermag man darin doch dreierlei zu unterscheiden: die Notwendigkeit, die unerbittliche Folgerichtigkeit des Geschehens, die Nemesis; dann, den strengeren Begriff zwanglos umspielend, den Lauf der Dinge, die Tyche; drittens eine Ate, eine geheimnisvolle Activität, ein willkürlich verfolgendes Dämonisches, eine verderbende Gottheit. Einen bösen Dämon zwar nennt Herder viel- mehr den Gedanken, daſs uns das Unglück verfolge, aber er spricht doch auch von un- glücklichen Familien, an die man sein Schicksal nicht knüpfen solle, und er nennt es eine Regel der Klugheit, sich vor denen zu hüten, die, wie man sage, das Schicksal aus- gezeichnet hat. Ansätze also und jedenfalls der Begriff jenes irrationellen Agens finden sich bei ihm, von dem im Wallenstein nicht nur so viel gesprochen wird, das sich auch aus dem Gefüge des Stückes schwerlich wird wegbeweisen lassen, und das insbesondere in dem Doppeltraume Wallensteins und Octavios, dem aller- unentbehrlichsten Gliede des dramatischen Baues, sein tückisches Wesen treibt²). An- regungen mithin zu der im Wallenstein, wie ich überzeugt bin, schon vorhandenen, wenn auch noch frei behandelten, die strenge ödipodeische Form, wie Schiller sie in

¹1) UÜber den Gebrauch des Wortes Schicksal bei Schiller vgl. Uberweg, Gesammelte philo- sophisch-kritische Abhandlungen S. 459 ff. und neuerdings die Zusammenstellung in der zweiten der treff-

lichen Programm-Abhandlungen A. Rosikats, Uber das Wesen der Schicksalstragödie. Königsberg i. Pr. 1892 S. 5 ff.

²) Auch L. Bellermanns Scharfsinn ist es, wie mir scheint, nicht gelungen, hier rationalen Boden nachzuweisen(Schillers Dramen Bd. II S. 60.).