Aufsatz 
Herder und Schillers Wallenstein
Entstehung
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den ‚Humanitätsbriefen häufig, und ,Zeitgeist' ist vor Herder nicht nachgewiesen ¹). So gebraucht er an einer Stelle unseres Aufsatzes ‚Genius der Welt' gleichbedeutend und abwechselnd mit Schicksal:»So nah nun diese Wünsche liegen, so werden wir ihnen entsagen, wenn wir bemerken, daſs der Genius der Welt der zartesten Lieblingsneigung, die gegen sein Geschäft ist, nicht schonen könne: denn dies Geschäft ist nichts, als zu zeigen, daſs jedes sei, was es ist.« So stehen auch bei Schiller im Anfang der Traum- erzählung Wallensteins Weltgeist²) und Schicksal in gleichem Sinne neben einander. Herder spricht von inneren Warnungen, von warnenden Dämonen, deren Nicht-

beachtung uns unser Schicksal bereite.»Wir fühlten, dafs wir nicht so handeln sollten, wir handelten also, und es miſslang. Da sagen wir denn: Jener Mensch ist mir immer ein fataler Mensch gewesen; ich fühlte, daſs ich mit ihm nichts zu schaffen haben sollte, und widerstrebte meinem warnenden Dämon. Da nennen wir sogar den Ort, die Zeit, die Stunde fatal.« So fühlt Wallenstein sich vor dem, der ihm sein Schicksal bereiten wird, geheimnisvoll gewarnt, und er straft mit tragischer Ironie das innere Orakel Lügen:

Nicht jeder Stimme, find' ich, ist zu glauben,

Die warnend sich im Herzen lälst vernehmen.

Uns zu berücken borgt der Lügengeist

Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit.

Die vielbesprochene Stelle bleibt in einem Punkte problematisch. Ein ‚stilles Unrecht hat Wallenstein dem würdig braven Mann abzubittent, das unheimliche Gefühl, das in seiner Nähe ihm ‚schaudernd die Sinne überschleicht, und er hat doch Butler einen schlimmen Streich gespielt und muſs sich einer anderen Schuld gegen ihn, eines ge- thanen Unrechts bewuſst sein. Seine Worte, wenn sie gleich in Illos Gegenwart ge- sprochen werden, decken das wirklich Geschehene zu wenig, sie scheinen es weniger verhüllen zu wollen, als vielmehr von der Intrigue mit dem doppelten Brief, die ein unentbehrliches Glied der Handlung und eine notwendige Bedingung der Kata- strophe ist, gar nichts zu wissen. Sollte die Stelle nicht zu denen zu rechnen sein, an denen, wie es in Schillers früheren Dramen nicht selten der Fall, aber auch in den späteren nicht unerhört ist), die Strenge des Zusammenhanges gleichsam aussetzt und

¹) Nach A. Gombert. Vgl. die Anmerkung zu dem Worte(Humanitätsbriefe. Erste Sammlung Brief 11) in Suphans Herderausgabe Bd. 18 S. 609. Herder gebraucht es in folgendem Satze:»Und doch erwarten wir, wenn wir von einem neuen Dichter hören, zuerst und vor allem ein Wort des Herzens, einen Laut der allgemeinen Stimme, des Wunsches und Strebens der Nationen, den Hauch und Nach- klang des mächtigen Zeitgeistes.« Goethe an Caroline Herder, September 1794:»Leider wirkt der Genius der Zeit so übel auf Freundschaft. Meinungen über fremde Verhältnisse zerstören die nächsten, dafs man sich nur an das, was einem noch bleibt, recht fest zu halten hat.«

²) Goethe, Shakespeare und kein Ende(1815):»Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist.« Herder in dem ersten Entwurf seines Shakespeare-Essays, dem Sendschreiben an Gerstenberg, 1771, (jetzt in Suphans Ausgabe Bd. 5):»Shakespeare, der Sohn der Natur, Vertrauter der Gottheit.«

3) Arg übertreibend Otto Ludwig, Gesammelte Schriften Bd. 5 S. 285:»Das Charakteristische in Schillers Poesie, auch der letzten Periode, scheint die Inconsequenz der poetischen Intention, die einer grofsen Wirkung durch das Ganze nicht den Reiz aufopfern kann, wo irgend Gelegenkeit verführt,

auch im ganz einzelnen zu wirken, sollte selbst diese einzelne Wirkung der Absicht der Totalwirkung geradezu widersprechen.«