Aufsatz 
Herder und Schillers Wallenstein
Entstehung
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viel Parallelen, so viel Zusammenhang bezeugende Ahnlichkeiten, und die Betrachtung selbst, Richtung und Farbe der Gedanken den Meditationen in Wallensteins Munde eng verwandt: So vielen Gebietest du, sie folgen deinen Sternen Und setzen wie auf eine groſse Nummer Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind

In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen. Und: Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte,

Der in der Menschen Brust mir widersteht.

Der frappanteste Zug in diesen Analogieen ist das bei Schiller wiederkehrende, nur anders gewendete Bild der hohen Nummer; es ist bei ihm mit der beherrschenden Vorstellung, der des Glückes, associiert, eine Verschiebung, die psychologisch nicht ohne Interesse ist ¹).

»Es giebt imperatorische Menschen.« So sagt Max von Wallenstein:

Geworden ist ihm eine Herrscherseele, Und ist gestellt auf einen Herrscherplatz,

und wenn er dann fortfährt:

Wohl uns, daſs es so ist! Es können sich

Nur wenige regieren, den Verstand

Verständig brauchen. Wohl dem Ganzen, findet Sich einmal einer, der ein Mittelpunkt

Für viele Tausend wird, ein Halt, sich hinstellt Wie eine feste Säul', an die man sich

Mit Lust mag schliefsen und mit Zuversicht,

so begegnen wir bei Herder in diesem selben Abschnitt, der von eigenem und fremdem Schicksal handelt, weiterhin der entsprechenden Betrachtung:»Es gab Zeiten, da eine Menge Menschen mit ganzem und sülsem Zutrauen ihr Schicksal an das Schicksal eines groſsen Mannes, sogar seiner Familie knüpfte; ihn lieſs sie für sich denken und wollen; sie vollbrachte seine Befehle, als wären diese von ihnen selbst gestellt und bekräftigt. Dies Zutrauen konnte nicht anders aufkommen und gedeihen als dadurch, daſs der groſse Haufe sah, er befinde sich bei diesem Zutrauen wohl; das Glück, die Würde, die Thätigkeit des groſsen Mannes sei wirklich sein besserer Genius, sein Schutzgeist.«

Genius, ‚Geist' sind, wie man weiſs, Lieblingsbegriffe, charakteristische Lieblings- begriffe Herders und des von seiner Sprache beherrschten Kreises; in den mannigfachsten Verbindungen begegnen sie bei ihm. Geist der Zeiten, ‚Geist der Zeit' ist besonders in

¹) Wieder anders und wiederum vergleichbar erscheint das Motiv in Mommsens Charakteristik Sullas, des zufallsgläubigen, eines umgekehrten Wallenstein:»Seine wunderliche Gläubigkeit ist nicht der plebejische Köhlerglaube des Marius, noch weniger der finstere Verhängnisglaube des Fanatikers, sondern jener Glaube an das Absurde, wie er bei jedem von dem Vertrauen auf eine zu- sammenhängende Ordnung der Dinge durch und durch zurückgekommenen Menschen notwendig sich einstellt, der Aberglaube des glücklichen Spielers, der sich vom Schicksal privilegiert erachtet, jedesmal und überall die rechte Nummer zu werfen.«