Aufsatz 
Herder und Schillers Wallenstein
Entstehung
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und die kleine Schwachheit von ihrem Schicksal ereilt wird. In einer Folge etwas alt- modisch anmutender Begriffspersonificationen¹) giebt er ihr den Stolz zum Vater, die Trägheit zur Mutter, die Gewohnheit zur Amme, die Schmeichelei zur Erzieherin:»Vom frechen Stolz gezeugt, von lüsterner Trägheit empfangen, von sinnloser Gewohnheit ge- säugt und von Schmeichelei erzogen, was kann sie anders sein und geben als was sie ist?« Von sinnloser Gewohnheit gesäugt: die Amme Gewohnheit kennen wir aus Wallenstein:

Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, Und die Gewohnheit nennt er seine Amme,

und es ist ein analoger Zusammenhang, in dem das starke Bild hier und dort er- scheint; denn auch bei Schiller wird Kraft und Schwäche, Heldenmut und kleiner Sinn, kühne Thatkraft groſser Individuen und im Herkömmlichen befangene Furchtsamkeit der indolenten Masse gegeneinander gestellt. So wird im»Spaziergang« die Frei- heit die Amme der schönen Künste genannt, und hier erscheinen auch die Erzeuger und damit eine Continuität des bildlichen Ausdrucks wie in Herders Satz:

Da gebieret das Glück dem Talente die göttlichen Kinder, Von der Freiheit gesäugt, wachsen die Künste der Lust.

Der»Spaziergang« ist wenige Monate nach Herders Abhandlung entstanden; in dem Bildmotiv des Distichons einen Nachklang des genealogischen Satzes in dieser zu ver- nehmen ist sicherlich statthaft ²).

»Vermeide jeder,« beginnt ein Abschnitt bei Herder,»so viel er kann, der Sclave einer fremden Bestimmung zu werden, und baue sein eigenes Schicksal.« Er empfiehlt Teilnahme am Los der anderen, aber er warnt davor, sich selbst, vielleicht auf Lebenslang, zu verlassen, um einem fremden Genius zu dienen und ihm blind zu folgen. Zwar gebe es imperatorische Menschen, die von der Natur dazu bestimmt zu sein glauben, die Führer andrer zu sein, in entscheidenden Augenblicken über ihr Schicksal zu gebieten und es mit einem Wink zu lenken. Ihre Macht aber erstrecke sich nicht bis in die Brust des andern, und dem, der andre für sich raten, wählen, sorgen liels, bleibe zuletzt nichts übrig, als die von einem fremden Verstande verwickelten Fäden mit eigenem Verstande aufzulösen oder dem Wagen des andern, der über sein Schicksal gebot, demütig zu folgen. Er solle es sich aber selber zuschreiben, wenn er dafür geachtet werde, wofür er sich selbst achtete, da er sich als eine unbedeutende Zahl der hohen Nummer bei- gesellte. Uber das Schicksal anderer in entscheidenden Augenblicken gebieten dem Wagen der anderen folgen sich einer hohen Nummer beigesellen die Macht, die sich nicht bis in die Brust des anderen erstreckt: so viel Sätze, dünkt mich, so

¹) Uber»Allegorieen der Redea handelt Herder in seiner letzten Schrift, der Adrastea(Stück 4; Suphans Herderausgabe Bd. 23 S. 320.).

2) Genealogische Metaphorik dieser Art begegnet bekanntlich in der antiken Dichtersprache überaus häufig; sie ist auch unserem älteren Stil geläufig. So sagt Schiller in der Geschichte des Dreifsigjährigen Krieges(Gödeke Bd. 8 S. 343):»Er(Piccolomini) bat sich von ihm(Wallenstein) die Erlaubnis aus, den Gallas zurückzuholen, und Wallenstein liefs sich zum zweitenmal überlisten. Diese unbegreifliche Blindheit wird uns nur als eine Tochter seines Stolzes erklärbar.-