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schen Wachstums, das sprossende Laub, die treibende Blüte, der fruchttragende Baum, die fallenden Blätter. Leiden und Handeln und wiederum Handeln und Sein, so können wir in Herders Sinne sagen, sind aus einer Wurzel. Betont er in seinem Zusammen- hange mehr die erste dieser Gleichungen, so verweilt Schillers Wallenstein in seiner Lage und Disposition bei der zweiten; das Gleichnis aus der Naturordnung ge- braucht auch er:
Des Menschen Thaten und Gedanken, wißſst,
Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen,
Die inn're Welt, der Mikrokosmos ist
Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
Sie sind notwendig wie des Baumes Frucht,
Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
Hab' ich des Menschen Kern erst untersucht,
So weils ich auch sein Wollen und sein Handeln.—
»Lasset uns,« lesen wir bei Herder,»in unserm Busen unser eigenes Schicksal als einen Apollo befragen«, in anderem Sinne freilich als wir unter dem unwillkürlichen Ein- druck bekannter Stellen aus Wallenstein verstehen möchten. Denn der Apollo in Herders Satz ist ein rückschauender Gott, ein»Exponent« zu dem Verhältnis zwischen unserem Unglück und unserer Thorheit.»Das Buch der Zeiten,« heifst es in demselben Ge- dankengange,»ist in deinem Herzen«. Anders bei Schiller, aber ähnlich und anklingend: »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.“—»In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.“—»Das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.«
Der ewigen Consequenz der Dinge stellt Herder die Inconsequenz des Menschen gegenüber. Die ungeheuerste Consequenz herrscht im Reiche der Natur, während wir den Samen der Inconsequenz allein bei uns finden. Inconsequenz aber sei ein Attentat gegen die zusammenhangende Natur, sie strafe uns, und unser Schicksal ereile uns. Kein Verbrechen solcher Art finde Verzeihung— denn, könnte Gräfin Terzky den Gedanken weiterspinnen,
Denn recht hat jeder eigene Charakter, Der übereinstimmt mit sich selbst, es giebt Kein andres Unrecht als den Widerspruch.—
Auch die folgende Zusammenstellung erscheint mir nicht gewagt. Herder:»Ge- wöhnlich legt man dem Schicksal Inconsequenzen bei und nennet diese Zufall.« Es giebt Zufälle in der Welt, und deren sind unendlich viele; um so mehrere treffen uns, je mehr uns alles Zufall ist, d. i. je weniger wir consequent handeln. Da wird uns zuletzt alles Zufall. Das Wort Schicksal deutet indessen ganz etwas andres an, eine Reihe, eine unwandelbare Ordnung nach festgestellten Grundsätzen, seien diese in unserm oder in einem höheren und dem höchsten Gemüte.— Schiller:
Es giebt keinen Zufall, Und was uns blindes Ohngefähr nur dünkt, Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.—
Kleinheit des Geistes nennt Herder ein Attentat gegen die Majestät der Natur; sie gerate leicht in einen narkotischen Glauben aun sich selbst, bis stärkere Kräfte erwachen


