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Worte, aus denen sich leicht ein besonderes oder durch besondere Umstände gewecktes oder verstärktes Interesse heraushört. Solche besonderen Umstände aber dürften darin zu finden sein, dafs der Plan zum Wallenstein, der den Dichter schon seit Jahren be- schäftigte, eben in jener Zeit»zu seiner Vollendung heranreifte«. Schiller fühlte sich, wie ich glaube, beim Lesen dieses Herderschen Schicksals-Artikels in eine Vorstellungs- welt, in einen Kreis von Stimmungen versetzt, der ihm für sein weitschichtiges und schwerflüssiges künstlerisches Vorhaben fördernde Elemente zu versprechen schien. An Körner hatte er, wenige Tage nach dem angeführten Brief an Goethe, berichtet:»Zu dem dritten Stücke hat Herder einen Aufsatz geschickt, der in seiner Manier gar nicht ohne Interesse ist. Er handelt vom eigenen Schicksal. Du kannst dir wohl einbilden, daſs von den unbestimmten Begriffen der Menschen über Glück und Unglück, Fatum u. dgl. darin die Rede ist.« Die unbestimmten Begriffe dieser Art bezeichnen, wenn ich nicht irre, das Gebiet in Schillers Wallenstein, auf welchem Spuren einer Nachwirkung Herderscher Gedanken und Wendungen aus dem Horenaufsatz sichtbar, etliche Töne, die daher kommen, vernehmbar sind. Nicht länger als sechzehn Seiten ist dieser Auf- satz in Suphans Herderausgabe, wo er im 18. Bande mit anderen kleinen Schriften aus den Jahren 1791— 1796 den Humanitätsbriefen angeschlossen ist, und bei so ge- ringem Umfange dünkt mich die Zahl der Stellen, welche Wallenstein-Stellen verwandt sind, groſs genug, um die Annahme eines Zusammenhanges zu begründen, wenn nicht unabweisbar zu machen.
Herders Aufsatz läſst sich als ein moralisierender Essay charakterisieren, Essay im älteren, Baconischen Sinne der Bezeichnung, im Sinne einer frei auf einen Punkt bezogenen Reflexionsreihe:»dispersed meditations«. Er führt uns nach Hayms treffen- dem Ausdruck»an lauter bekannten Ideeen vorüber, so zwar, daſs der Begriff des eigenen Schicksals uns aus ihnen wie aus so viel Spiegeln, mit denen er umstellt ist, in immer anderer Lichtwirkung entgegengeworfen wird«.— Herders Hauptgedanke ist hier wie in jener älteren Abhandlung über die Nemesis, von deren starkem und dauerndem Eindruck auf Schiller»Anmut und Würde« wie»Der Tanz« zeugen,— für den Wallenstein wünschte er von Meyer als Titelbild eine Nemesis— der Gedanke der die moralische wie die physische Welt durchwaltenden Notwendigkeit, des unver- brüchlichen Causalitätsgesetzes.»Jeder Mensch hat sein eignes Schicksal, weil jeder Mensch seine Art zu sein und zu handeln hat.— In diesem Verstande nämlich be- deutet Schicksal die natürliche Folge unsrer Handlungen, unsrer Art zu denken, zu sehen, zu wirken. Es ist gleichsam unser Abbild, der Schatte, der unsre geistige und moralische Existenz begleitet. Dafs es einen solchen Zusammenhang der Dinge, mithin auch allgemeine, beständige, mit uns fortgehende Resultate unsrer Handlungen und Gedanken gebe, kann niemand leugnen.« Nur unsere Aufmerksamkeit, heiſst es dann weiter, sei zu blöde, um die für die Welt der mechanischen Kräfte nirgends mehr bezweifelte Wahrheit auch in der geistigen Welt, im Reich der feinsten, der wirk- samsten, der schnellsten Kräfte zu gewahren. Unser Schicksal ist nach Herder unsere Art zu denken und zu handeln und zuletzt oder zuerst unsere Art zu sein, es ist, wie er es auch falst, der Nachklang, das Resultat unseres Charakters—»die entschiedene Natur des Menschen« nannte es Goethe zwei Jahre später(26. April 1797 an Schiller)—, und so streng geordnet ist der Zusammenhang unseres Lebens wie die Phasen organi-


