Herder und Schillers Wallenstein.)
Ich glaube einen kleinen Beitrag geben zu können zu dem groſsen Kapitel»Herder und Schiller« und damit zugleich zu Schillers Wallenstein. Die an den Entstehungsproceſs des Wallenstein sich knüpfenden Probleme sind vor kurzem durch eine tiefdringende, geistvolle Schrift von Kühnemann neu und bedeutend wieder angeregt worden. Der Verfasser unternimmt es darin, wesentliche Züge der Composition und der Charaktere des Stückes auf die philosophischen Studien und Gedanken des Dichters zurückzuführen, direct aus diesen abzuleiten; er hört fast überall den Kantianer reden und geht auch auf die groſsen dichterischen Vorläufer und Vorbilder nicht näher ein, im Ringen mit denen der mächtige Bau— eine Synthese wie alles Groſse— errichtet ward. Einem so langsam gewordenen Werke wie Schillers Wallenstein wird aber auch, man muſs es ohne weiteres wahrscheinlich finden, mancherlei zugeflossen sein und stärkere oder leisere Spuren darin gelassen haben, was etwa der Zufall der Lektüre bot und der Künstler planvoll»zum Zwecke sich gestaltete« oder unwillkürlich in Sinnen und Schaffen auf- nahm. Einen solchen Zu- und Einflufs möchte ich nachweisen. Er erscheint mir der Prüfung wert und doppelt so, da er von Herder käme, dem Anreger par excellence. Ich meine einen Aufsatz von Herder, welcher Anfang 1795 entstanden und im dritten Stück des ersten Jahrgangs der Horen erschienen ist, den Aufsatz:»Das eigene Schicksal«. Körner sprach er wenig an, er fand etwas Sauertöpfisches, Anmaſsendes und Predigendes in dem Ton und in der ganzen Form eine gewisse Steifheit; nur einzelnen guten Ideeen wollte er darin begegnen— ein Urteil, dem sich in unseren Tagen der Biograph Herders im wesentlichen angeschlossen hat, nur daſs Haym mit scharfem und kundigem Blick aus den Lebensbetrachtungen des Aufsatzes die Lebens- erfahrungen seines Autors herausliest,»etwas von dem Staube« darin wahrnimmt,»der sich in den Falten des Mantels unseres Philosophen bei seinem eigenen Wege durchs Leben darin festgesetzt hatc. Wie dem aber sein mag, wichtig ist, daſs Schiller günstiger dachte.»Herder,« schreibt er an Goethe am 19. Februar 1795,»hat uns mit einem gar glücklich gewählten und ausgeführten Aufsatz beschenkt, worin der so gangbare Begriff vom eigenen Schicksal beleuchtet wird. Materien dieser Art sind für unseren Gebrauch vorzüglich passend, weil sie etwas Mystisches an sich haben und durch die Behandlung doch an eine allgemeine Wahrnehmung angeknüpft werden«—
¹) Vorgetragen in der Gesellschaft für deutsche Litteratur.


