Aufsatz 
Theorie der Meridianbestimmung / von R. Ilgen
Entstehung
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dieſer Forderung genügt die Wiſſenſchaft mit großer Genauigkeit, indem ſie ihre Rechnungen auf den Stand der Sonne und des Mondes gegen die Meridian⸗ ebene ſtützt.

Und wie im Leben, ſo muß auch in der Wiſſenſchaft die Meridianbe⸗ ſtimmung gar Vieles ſtützen, was ohne ſie zuſammenfallen würde. Sie bildet den Grundpfeiler der erhabenen Wiſſenſchaft, die uns mit dem Bau des Weltalls und ſeinen Geſetzen bekannt macht. Dieſer Satz iſt ſo wahr, daß nicht einmal der Grundſtein eines Obſervatoriums gelegt werden kann, bevor wenigſtens eine annähernde Meridianbeſtimmung getroffen worden iſt, während eine ſehr feine Meridianbeſtimmung bei dem Gebrauch der Inſtrumente nöthig wird. Es fehlt nun nicht an Tadlern, welche ſolchen Inſtituten jeden Nutzen für den Staat abſprechen und ſie als Geld verzehrende Luxus⸗Artikel bezeichnen. Indeſſen, erſt 1839 erſtand das majeſtätiſche Pulkowa bei der Reſidenz des Czaren, ſowie wenige Jahre ſpäter das Marine⸗Depot der nordamerikaniſchen Union; und wenn die Zweckmäßigkeit eines ſtaatlichen Inſtitutes von dem ruſſiſchen Staats⸗ rath und dem Congreß zu Waſſington einſtimmig anerkannt wird, ſo dürfte es etwas gewagt ſein, eine abweichende Meinung begründen zu wollen. Vielmehr erſcheint im Bunde mit den Obſervatorien die Meridianbeſtimmung gleichſam als erſte Bewegungskraft, deren vielverzweigte Wirkungen ſich bis in die innerſten Räume unſeres geiſtigen Lebens erſtrecken. Es wird genügen, eines Punktes Erwähnung zu thun, nämlich der gänzlich veränderten Weltanſchauung ſeit den letzten drei Jahrhunderten, deren gewaltige Wirkungen wir alle kennen oder doch empfinden. Zwar iſt Schiller nicht der einzige geweſen, der dieſe neue Welt⸗ anſchauung, und zwar von künſtleriſchem Standpunkte aus, beklagt hat: allein die Trümmer im Reich des Schönen erſetzt ſie durch herrliche Neubauten im Reiche der Wahrheit, und ſie bleibt für immer eine der mächtigſten Waffen gegen kleinliche Gäbſtlcht wie gegen excentriſche Verirrungen in Religion und Politik.

Dieſe Andeutungen über die culturgeſchichtliche Wichtigkeit der Meridian⸗ beſtimmung werden mehr als hinreichend ſein, um ihre Beſprechung in einem Schulprogramme zu rechtfertigen. Der eigentlichen Beſtimmung dieſer Gelegen⸗ heitsſchriften kann ein Gegenſtand nicht fremd fein, der ſeiner ganzen Natur nach ein ſo weſentliches Vermittelungs⸗Moment zwiſchen Wiſſenſchaft und Leben bildet.

Ich beginne mit einigen Hauptſätzen aus der Lehre der Polarcoordinaten. Die rein mathematiſchen Relationen, welche ſich auf dieſem Wege ergeben werden, finden dann eine leichte Anwendung auf das vorliegende Problem, worauf ſich die wichtigſten Methoden der Meridianbeſtimmung ohne Schwierigkeit und gleich⸗ ſam von ſelbſt entwickeln. Die mittleren Poſitionen des Polaris für die zweite Hälfte unſeres Jahrhunderts ſind nach den ſtrengen Formeln mit Berückſichtigung des motus proprius zunächſt von fünf zu fünf Jahren berechnet. Die Zwiiſchen⸗

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