Aufsatz 
Theorie der Meridianbestimmung / von R. Ilgen
Entstehung
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zur Kenntniß der Geſtalt und Größe unſeres Erdkörpers, ſowie zur Ermittelung der Maß⸗ und Gewichts⸗Einheiten, die man in neuerer Zeit in vielen Staaten eingeführt hat. Wenn auch die Unterſuchungen von Beſſel und Puiſſant er⸗ wieſen haben, daß man bei der Ableitung dieſer Einheiten noch nicht die wün⸗ ſchenswerthe Genauigkeit erreicht hat, und obendrein die Geſtalt eines vollkom⸗ menen Rotationskörpers bei unſerer Erde nicht wenig problematiſch iſt, ſo hört jene Methode der Maßbeſtimmung darum nicht auf, zweckmäßig zu ſein. Man darf nur verſuchen, die Bogen-Diſtanz zweier Punkte der Erdoberfläche in engli⸗ ſchen Landmeilen, anſtatt in Seemeilen, auszudrücken, um ſich ſofort zu überzeugen, wie praktiſch eine Maß⸗Einheit iſt, welche zu den Dimenſionen der Erde in einem einfachen Verhältniß ſteht.

Es würde zu weit führen, wollte ich den Einfluß der Meridianbeſtimmung auf unſere materiellen Verhältuiſſe auch nur in ſeinen wichtigſten Momenten weiter verfolgen; nur eines Punktes aus der Oekonomie der Küſtenländer erlaube ich mir noch zu erwähnen. Wer jemals die Themſe befahren hat, wird ſich lebhaft erinnern, wie verſchieden der Anblick der Weltſtadt zur Zeit der Fluth iſt, wenn die hochgeſtiegene Waſſerfläche eine kaum merkliche Strömung zeigt, und zur Zeit des Ebbeus, wenn die Waſſermaſſen mit erſtaunlicher Schnelligkeit unter den hohen Brückenbogen ſtromabwärts ſchießen. Das ſtets ſinkende Niveau läßt an den naſſen Mauerwänden die Spuren ſeines früheren Standes zurück, ſo daß man leicht die Waſſerlinie der Fluthzeit erkennen kann; Gärten und Plätze, die man bei hohem Waſſerſtande überſchauen kann, ſind jetzt dem Blick vom Schiffe aus unerreichbar; ſchwarzbetheerte Balken-Gerüſte ſteigen immer höher aus dem Waſſerſpiegel, und, wo man früher mit der Hand in den Strom greifen konnte, muß man jetzt eine Treppe hinabſteigen, um zu dem Waſſer zu gelangen; das Flußbette wird an manchen Stellen frei und zeigt ſich als uner⸗ quickliche Schlammregion zwiſchen der Waſſergrenze und dem trockenen Ufer. Wie wichtig muß es nun für die Oekonomie der Anwohner ſein, die Zeit des Eintretens aller dieſer Umſtände genau vorher zu wiſfen! Und hier, an den freundlichen Ufern von London bis zum Nore, haben die Gezeiten noch einen ruhigen, gefahrloſen Charakter: aber es gibt auch Flußmündungen, wo ſie bisweilen zur Zeit der Syzygien eine wahrhaft ſchreckhafte Geſtalt annehmen. Nicht ſtetig und langſam, ſondern urplötzlich ſtürzt ſich die Springfluth als hoher Waſſerberg ſtromaufwärts und entwickelt bei einer Geſchwindigkeit von 5 deut⸗ ſchen Meilen in der Stunde eine Kraft, die jeden Widerſtand überwältigt. Unter dem Namen Bore findet ſich dieſe Erſcheinung auf dem Hoogly, von ſeiner Mündung bis nach Calcutta, als Pororoca am Ausfluß des Amazonenſtroms, und in Frankreich wiederholt ſie ſich in kleinerem Maßſtabe an der Mündung der Dordogne unter dem Namen Mascaret. Für ſolche Oertlichkeiten muß eine Vorausberechnung natürlich noch viel wichtiger und wünſchenswerther ſein; und