Aufsatz 
Theorie der Meridianbestimmung / von R. Ilgen
Entstehung
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Theorie der Meridianbeſtimmung.

Es dürfte ſchwer ſein, ein Problem aufzuſtellen, deſſen Löſung ſo viel⸗ ſeitig in faſt alle Lebensverhältniſſe eingreift, wie die Meridianbeſtimmung. Alle Zeit- und Ortsbeſtimmungen, welche mit Rückſicht auf Geſtalt, Größe und Ro tation der Erde vorgenommen werden, beziehen ſich nothwendig auf die Meridian⸗ ebene. Einen ſehr anſchaulichen und großartigen Beleg gewähren die Grenzen der nordamerikaniſchen Unions⸗Staaten, von denen viele die Richtung eines Meridians oder eines Parallelkreiſes verfolgen. Die Grenzen europäiſcher Staaten ſcheinen zwar nicht die entfernteſte Notiz von dem Lauf der Meridiane zu nehmen, deſto mehr geſchieht dieſes aber von dem vermeſſenden Perſonal, und nur da⸗ durch hat man jene Präciſion der Ortsbeſtimmung erlangen können, bei welcher ſich das Einzelne an das Ganze ohne Widerſpruch anſchließt. Aber nicht allein ſtarre, todte Grenzlinien ſind es, zu deren Kenntniß wir der Meridianbeſtimmung bedürfen: das vielbewegte, großartige Leben unſerer Zeit, dieſe Allgemeinheit, Schnelligkeit und Sicherheit des Verkehrs zwiſchen faſt allen Völkern hätte ſich ohne Meridianbeſtimmung niemals entfalten können. Allerdings verdanken wir es zunächſt der modernen Nautik, daß die Länder trennenden Meere zu Länder verknüpfenden geworden ſind, und wer eine Meridianbeſtimmung ausführen kann, iſt darum noch kein Seemann: aber es bildet dieſe Operation doch die unerſetz⸗ liche Grundlage der Ortsbeſtimmung zur See, ſo daß man ohne ſie mit den ſchärſſten Monddiſtanzen und den vorzüglichſten Chronometern kein Reſultat erhält. Bei einer Fahrt nach Oſtindien gelten jetzt die engliſche Küſte, das Cap der guten Hoffnung und die Sandbänke der Ganges⸗Mündungen für die gefahrvollſten Stellen der Seemann fürchtet das Land. Nehmen wir ihm aber die Meridianbeſtimmung, ſo bekommen wir Seeleute, wie zu Zeiten des Columbus, von denen er ſagte, daß ſie zitterten, ſobald ſie längere Zeit kein Land erblickt hätten.

Die Lage der Meridianebene muß ferner bekannt ſein, ehe man die Vermeſſung eines Meridianbogens und die Feſtſtellung ſeiner elliptiſchen Geſtalt unternehmen kann; und ſo bildet die Meridianbeſtimmung auch den erſten Schritt

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