caelum profundum(Schwelgen des Dichters in der Vor- stellung des unermesslichen Raumes) verwirren, u. Neptun nennt das Reich des Aeolus immania saxa. Die Dimen- sionen spielen auch noch an anderen Stellen eine Rolle. Die Bucht an der libyschen Küste erhält durch riesen- hafte Felsen Schutz vor den Winden. Hermes fliegt durch den gewaltigen Aether, der Tempel in Karthago ist ingens, ingens ist das Tafelsilber der Dido, räumliche Grösse und Schallwirkung kommen 725 fit strepitus tectis, vocemque per ampla volutant atria in Betracht.— Bei Homer kommen neben den grossen Ereignissen stets die ewigen, in der menschlichen Natur begründeten Leiden und Freuden zu ihrem Recht. In der Aeneis absorbiert das Aussergewöhnliche nahezu das Alltägliche und Ge- wöhnliche. Hätte Vergil seinem Helden je Worte in den Mund gelegt wie Homer dem Odysseus(Ges. 7 d. Od.) über den Hunger? Mag bei Homer passieren, was da will, Mahlzeiten, Tagesschluss und Tagesanfang regeln alles und wirken mit ihrem formelhaften Gepräge auf jede noch so erregte Stimmung ausgleichend ein. Zweimal finden im I. Buche Mahlzeiten statt. Am besten ist die Darstellung 174— 223 gelungen, denn die Trojaner sind durch die Leiden des Seesturmes todmüde und sozerschlagen, dass für keine andere Stimmung Raum ist(defessi, fessi rerum omnibus exhausti iam casibus). Sehr fein lässt der Dichter erst nach der Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse der menschlichen Natur die Trojaner sich um das Schicksal der vermissten Gefährten kümmern, ähnlich wie Od. 12, 308, 9. Von den Vorbereitungen zu dem Gast- mahl im Palast der Dido erfahren wir mancherlei, die Tische sind mit Speisen belastet(706) aber von den Freuden des Mahles erfahren wir nichts. Die Formel der hom. Poesie atmet immerhin Behagen, während durch 723 das Mahl selbst so zu sagen in der Form der praecteritio über- gangen wird. Zuvor hat der Dichter die Aufmerksamkeit auf die Geschenke des Aeneas und auf Julus gelenkt, nachher strebt die Darstellung dem offiziellen Trinkspruch der Dido zu. Uns, die wir die Kulturen so mancher Epoche wenigstens in grossen Zügen überschauen, macht es Freude, in allen Zeiten den Menschen mit den ele- mentaren, in seiner Natur begründeten Leiden und Freuden wiederzufinden. Schon Horaz hatte dafür Sinn, wie ep. I 2 beweist, Vergil weniger, ihn fesselt mehr das Seltene. Zwischen beiden besteht ein ähnlicher Unter- schied wie zwischen Goethe und Schiller. Goethe hätte nicht den Tell, Schiller nicht Hermann und Dorothea schaffen können.——
Zaahlreiche Stellen lassen den Sinn des Dichters für psychologische Vorgänge zu Tage treten. Selbst der Venus naht immer wieder die Sorge sub noctem(667), Aeneas überlegt ruhelos in schlummerloser Nacht(305); dann empfindet er die befreiende Wirkung des Tages- lichtes(lux alma.) Der Gegensatz zwischen Stimmung und Erscheinung zeigt sich bei Neptun, er ist graviter commotus, gleichwohl erhebt er placidum caput; von Aeneas heisst es 200 spem voltu simulat, premit altum corde dolorem(philos. Ethik). Eine Art Analyse des Mitleides bietet 660 nostro doluisti saepe dolore in Ver- bindung mit 630 non ignara mali miseris succurrere disco. — Weil Aeneas obtutu haeret defixus in uno, entgeht
ihm das Herannahen der Dido(495). Die Vatersorge des Aeneas erscheint Unruhe verursachend: neque enim patrius consistere mentem passus amor; ihre sein ganzes Denken absorbierende Wirkung zeigt sich 646 omnis in Ascanio cari stat cura parentis.— Die Gefährten des Aeneas sind defessi, sie gehen nach den Nöten des Stur- mes magno telluris amore an das unbekannte Land. Dort tröstet sie Aeneas, er erinnert sie in hom. Weise an die füheren Leiden, weist sie aber zugleich auf das Ende hin, das sicher kommen wird; er ermahnt sie, maestum timo- rem— das auch von andern röm. Dichtern beklagte Uebel der Zeit— aufzugeben; die Erinnerung an die überstandenen Leiden soll ihnen dereinst eine Quelle der Freude werden, denn sie werden durch alle Wirrsale und Leiden ans Ziel kommen und Ruhe finden. Daher fügt er dem der hom. Sprache entsprechenden durate ein et vosmet rebus servate secundis hinzu.— Gegen- über der hom. Vorlage Od. 12, 308, 309, ist amissos longo socios sermone requirunt ein Unterschied; neu in der neuen Situation begründet ist die Stimmung malende Stelle spemque metumque inter dubii etc.— Beachtenswert ist die Zeichnung der Dido. In ihrem gewöhnlichen Wirkungskreis ist sie in Folge der Leiden, durch die sie gegangen, die sichere Herrscherin, zu dem unbekannten llioneus redet sie breviter, voltum demissa, 576 spricht sie den Wunsch aus: adforet Aeneas! eneas wird sichtbar, und— obstipuit aspectu Si- donia Dido, casu deinde viri sic ore locuta est. Das Interesse entwickelt sich durch das psychol. richtig ge- zeichnete, an das natürliche Empfinden der Frau einem Kinde gegenüber anknüpfende Verhalten des Amor— Ascanius zur Liebe, die wieder von der sich unbewusst selbst täuschenden Dido durch ihr Interesse an den Vor- gängen bei der Zerstörung Trojas gesteigert wird. In den Versen 228 und 254 scheint es dem Dichter auf eine Kontrastwirkung anzukommen. Die heitere Göttin der Liebe erscheint tristior et lacrimis oculos suffusa niten- tes, und der Vater der Götter und Menschen wird in einer der bekannten Homerstelle, die Phidias vor Augen gehabt haben soll, entgegengesetzten Weise geschildert. Vermutlich wollte Vergil ein Gegenbild schaffen. Häufig wendet der Dichter laetus an. Vs. 35 spannen die
Trojaner bei der Abfahrt laeti die Segel, Odysseus ist froh über den von Kalypso gesandten Fahrwind, hier liegt da- gegen ein weiteres Gefühl vor, die Trojaner sind hoff⸗- nungsfreudig, weil sie dem Lande der Verheissung zu- fahren(vrgl. 554). Venus begiebt sich 416 laeta nach Paphos, weil sie eine beruhigende Zusage von Zeus er- halten und ihren Sohn getroffen hat; Dido erscheint 503 laeta in ihrer jugendfrische und im Hinblick auf ihre praktischen Erfolge. Bei Amor und Ascanius haben wir 6900 und 696 an eine schalkhafte Freude zu denken. laeta sind die Zeiten, die Dido hervorgebracht haben, laeta die Schwellen, die man überschreitet, um in die festlich beleuchteten Räume zu gelangen. Vergil schwelgt 630 ff. offenbar in der Vorstellung von einem prächtig ausgestatteten, festlich beleuchteten Gesellschaftsraum, ein hom. Pendant zu 726, 27, besonders zu et noctem flammis funalia vincunt dürfte sich nicht finden.— Wie unhomerisch ist ferner 450 ff. zunächst der Tempel mit


