Aufsatz 
Vergilstudien : 2. Teil
Entstehung
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die stolze Königin. Allerdings haben auch bei dieser Leidenschaft die Gottheiten ihre Hände im Spiel, aber nirgends wird in der Aeneis dadurch das Menschliche weniger beeinträchtigt wie hier. Stellen wie I 561, 714, 737 dienen gerade in I dazu, bei Dido neben der könig- lichen Würde schon auch die Züge des weiblichen Charakters zur Geltung zu bringen. Bei der Gestaltung der Dido kommen eben dem Dichter verschiedene Um- stände zu gute, sein Sinn für Hoheit und Würde, seine Vorliebe für das Pathetische im Innenleben und sein Blick für das packende Detail.

Gleichwohl ist die einheitliche Charakteristik der Einzelpersönlichkeit nicht die starke Seite Vergils. Daher bringt er uns auch die Nebenpersonen so wenig mensch- lich nahe. Achates wird 21mal erwähnt. Trotzdem ver- binden wir mit ihm keine individuelle Vorstellung, fidus und rapidus sind seine Beiwörter; er tritt auf als Begleiter des Aeneas, wo dieser die Gelegenheit haben muss, seine Gedanken und seine Stimmungen auszu- sprechen(notwendig wären mehr Begleiter aus anderem Grunde Vs. 180 195 gewesen); öfter wird er erwähnt, weil sein Name einen bequemen Versabschluss bildet. Homer hätte uns sicher über den Mann mehr gesagt. Man könnte daher wohl sagen, dass die Darstellung der den einzelnen Situationen angemessenen Stimmungen dem Dichter wichtiger war als die Charakterzeichnung. Sie bestimmt ihn zum grossen Teil bei der Stoffauswahl und bei der Stoffgruppierung. Sie beherrscht die ganze Darstellung in der Wortwahl und in der Wortanord- nung. Welche Effekte versteht er durch die Caesuren zu erzielen! Man möchte sagen, dass bei der uns durch die Ueberlieferung bekannten Art, mit der Vergil gear- beitet hat, seine Seele die Seele eines ungemein fein- fühligen Menschen gewissermassen in die unschein- barsten Wortverbindungen, Lautgruppen und rhythmischen Gefüge gedrungen ist.

In dieser Bedeutung des Gefühls- und Stimmungs- lebens liegt zugleich der Grund für die Abnahme des Interesses an der Aeneis in unserer Zeit. Unsere Autoren ähnlicher Art sind ja auch in der Wertschätzung gesunken.

Die Würdigung der Aeneis erfordert bei der Eigen- art Vergils viel Kleinarbeit. Für diese ist auch nach dem Erscheinen des Werkes von R. Heinze noch reich- lich Raum.

b. Zu Buch I der Aeneis.

In der Handlung des ersten Buches finden sich über- raschende und kontrastierende Wendungen. Die Trojaner fahren hoffnungsfreudig auf dem Meere dahin da überrascht sie der Sturm. Ebenso unvermutet tritt Wind- stille und heitere Klarheit des Himmels ein. Erst sehen wir die Trojaner ringend mit der Gewalt der Stürme, dann folgen die idyllischen Bilder an der libyschen Küste. Freunde werden vermisst und wiedergefunden, Venus erscheint kummervoll auf dem Olymp und scheidet getröstet. Aeneas trifft seine Mutter, erkennt sie aber erst beim Scheiden. Landschaften und Naturerscheinungen betrachtet Hlomer nur mit dem Auge, bei Vergil verrät sich stets der Eindruck, den das Geschaute auf den Dichter macht. Dem Sinne des Dichters für das Land-

schaftliche verdanken wir zwei Schilderungen einer Bucht, von denen die erste der sog. heroischen Landschaft der franz. Malerei entspricht, während die zweite mehr idyll- ischen Charakter hat. Die imposante Schilderung des dem Dichter offenbar aus eigener Anschauung bekannten Timavo ist wohl aus persönlichem Interesse hervorge- gangen. Von der hohen Warte schaut Aenceas einerseits über das weite Meer, anderseits auf die Wiese des be- waldeten Tales mit den weidenden Hirschen. Wenn Juppiter 224 vom hohen Olymp herab auf das mare velivolum herabschaut, so muss man mehr an ein be- wegtes Fafenbild denken, das der Dichter vor Augen hat, als an den Standpunkt des juppiter, der doch von hoher Warte herab das ganze Weltmeer überschaut, wo- bei die einzelnen Segelschiffe natürlich verschwinden. Vs. 418 müssen wir auch an den Blick vom Hügel aus über das entstehende Carthago denken. Dann folgen allerdings Angaben, wegen deren wir Aeneas mitten in der Stadt denken müssen. Der Vorgang ist eben nicht in allen seinen Momenten gezeichnet, sondern nur in denen, die sich für ein Stimmungsgemälde verwerten liessen. Der Hügel ist hoch und steil, der Aufstieg wird den Wandernden, wie die Spondeen zeigen, schwer. An das Massige einer Grossstadt aus der Zeit des Dichters erinnert miratur molem, templum ingens und die immanes columnae mit dem Hinweis auf die einst dort stehenden magalia. Aeneas staunt nicht bloss wie der Hermes Od. V und Odysseus im Od. VII, sondern lässt seine Stimmung in den Worten O fortunati, quorum iam mönia surgunt ausklingen. Kleine Landschaftsbilder finden sich I 415 ff. und 603, 94, aber auch sie atmen eine charakteristische Stimmung, die feierliche Stille einer Kultstätte einerseits, idyllische Ruhe und Frieden anderer- seits. Gelegentlich spielt die Lichtwirkung eine Rolle. So bilden silvis scaena coruscis einen Gegensatz zu desuper horrentique atrum nemus imminet umbra(164 und 165), ferner bei dem Seesturm erst die tiefe Dunkel- heit und unmittelbar darauf die heitere Klarheit des Himmels. Bei der Schilderung des Seesturmes er- kennen wir durch eine Vergleichung mit der Vorlage manche individuelle Züge. Der Kontraste liebende Dichter hat auf das Dunkel beim Ausbruch und auf die Schrecken beim Wüten des Sturmes erlösende, befreiende Meeres- stille bei heiterer Klarheit des Himmels folgen lassen. Die Ausdrücke weisen hin auf das Zusammenschauern der Menschennatur bei dem Ringen der Elemente. Das für die Situation bedeutungslose vastos volvunt ad litora fluctus lässt uns den Dichter ahnen, der vom Gestade aus dem imposanten Schauspiel des sturmbewegten Meeres zuzuschauen pflegte, vrgl. auch insequitur cumulo prae- ruptus aquae mons 105 und die anschliesende Speziali- sierung bis 120. Der Umstand, dass der Sturm gegen eine Flotte nicht gegen ein einzelnes Schiff wütet, hat ebenfalls die Darstellung bereichert.

In den Versen 118, 119 ist eine wehmütige Stimm- ung, hervorgerufen durch das Bild der Zerstörung, nicht zu verkennen. Das Reich des Aeolus ist eine sturm- durchtobte unwirtliche Gebirgsgegend, vasto antro bän- digt der Gott die Winde, er thront celsa arce, molem et montes imposuit pater omnipotens, damit sie nicht