Aufsatz 
Vergilstudien : 2. Teil
Entstehung
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durch seine persönliche Kriegsuntüchtigkeit und seine illegitime Abkunft erklärt. Nausikaa ist ein durchaus natürliches Gebilde, Lavinia dagegen ist trotz des ge- legentlichen Errötens nur ein Begriff. Camilla, die wir auch mit Nausikaa vergleichen können, ist durch ver- hältnismässig menschliche Schicksale dem normalen Rah- men weiter entrückt wie die Tochter des Alcinous, trotz der märchenhaften Verhältnisse auf der Phäakeninsel. Homer zeichnet II. I 115 das reale Idealbild einer Frau, bei Vergil findet sich nichts Aehnliches. Wie oft wird bei Homer trotz der formelhaften Wendungen recht be- haglich gegessen! wie selten bei Vergil, abgesehen von der Repräsentation, die bei Homer der Situation nie etwas Offizielles verleiht, wie bei Vergil. Bei den homer- ischen Irrfahrten spielt die Kenntnis von Land und Leuten eine gewisse Rolle, bei denen in der Aeneis erfahren wir nie etwas von fremden Sitten und Gewohnheiten, die hellenistische Kulturwelt ist sozusagen die der epischen Dichtung, und die Irrfahrten haben, obwohl sie errores heissen, etwas Planmässiges. Vergil hat zwar eine un- leugbare Fähigkeit für die Darstellung aussergewöhnlicher Situationen und Stimmungen, aber gerade die Darstellung des Allgemeinmenschlichen gelingt ihm weniger, er findet es oft in der Haupthandlung und bei den Hauptgestalten seiner Dichtung gar nicht, denn diese entfernen sich bei ihm zu sehr von der übrigen Menschheit. Gleichwohl spielt das Allgemeinmenschliche eine grosse Rolle in der Aeneis. Aber es ist weniger einheitlich und in den ein- zelnen Personen verkörpert. Es gleicht gewissermassen dem Licht, wenn man es sich losgelöst von den leuch- tenden Weltkörpern denkt. Man könnte auch sagen, die hom. Gestalten seien Sonnen, die das Allgemeinmensch- liche aus eigener Kraft ausstrahlen, während die Vergils fast durchweg mit Planeten verglichen werden müssen, die ihren Lichtschein je nach ihrer Stellung zur Persön- lichkeit des Dichters von diesem erhalten. So kommt es, dass wir uns bei der Lektüre der Gedichte Homers für Achill, Odysseus, Agamemnon etc. interessieren, während bei der Lektüre der Aeneis unser Interesse dem Dichter

gilt. Seine Individualität ist es, die wir zunächst kennen

lernen, wenn wir das Allgemeinmenschliche in der Aeneis zu erfassen suchen. In seinen Geist treten wie in ein Prisma die einfarbigen Strahlen der Sagenwelt ein und in bunter Farbenpracht gehen sie daraus hervor. Diese Farben haben sie durch die individuelle Anlage und die Kulturwelt des Dichters erhalten. Hierin zeigt sich gerade ein Hauptunterschied zwischen Volksepos und Kunstepos. Denn das Volksepos ist das Werk eines Dichters, der die Personen und Ereignisse so darstellt, wie sie sich im Volke spiegeln, während sie im Kunstepos durch die individuelle Veranlagung, den Stand, die Bildung des Dichters ihre eigenartige Färbung erhalten. Der Dichter des epischen Volksliedes wählt einen im Bewusstsein des Volkes fortlebenden Stoff und gestaltet ihn dem Volks- bewusstsein entsprechend. Das Kunstepos dagegen be- handelt meist einen seinem Leserkreis in irgendwelcher Hinsicht(zeitlich oder räumlich) ferner liegenden Gegen- stand. Der Dichter verbindet dann vieles aus seiner Welt mit dem fremden Stoff und wirkt häufig durch das, was er vom Leser als mit seinem Milieu übereinstimmend

oder kontrastierend empfinden lässt. je grösser der Ab- stand zwischen der Zeit des Dichters und der des Stoffes ist, je genauer uns die beiden Zeiträume bekannt sind, desto leichter können wir Anachronismen in den Sachen und in dem Gedankengehalt nachweisen. Gerade in der Aeneis den Anachronismus auf dem Gebiete der Ge- dankenwelt durch stete Vergleichung mit Homer zu er- mitteln, ist unstreitig eine recht interessante Aufgabe und ein Beitrag zur Erfassung des Allgemeinmenschlichen in der Aeneis. Aus der Eigenart des Dichters und seines Werkes müssen wir auch seine Wertschätzung zu ver- stehen suchen. Der rhetorische und pathetische Charalter der Dichtung musste die Aeneis bei den romanischen Völkern beliebt machen. Die aristokratische Färbung musste dem Epos Freunde erwerben in einer Zeit, in der man das Volksleben mehr aus weiter Entfernung be- trachtete und nur ein kleiner Bruchteil der menschlichen Gesellschaft eine Rolle spielte. Gerade die Gebunden- heit der handelnden Personen, ihre fühlbare Abhängig-

keit von dem Willen der Gottheiten, der in den Ge-

schicken des Aeneas u. s. Leute. geradezu sichtbare Finger der Gottheit, das Vorhandensein einer übernatür- lichen Ordnung neben und über der natürlichen, musste der Aeneis die Sympathie der Hauptträger der Geistes- kultur während des Mittelalters sichern. Auch die Ver- herrlichung der jungfräulichen, der Diana geweihten Ca- milla, die mehr konventionelle Zeichnung der Ehe und die Behandlung der leidenschaftlichen Liebe, die nur in ihrer zerstörenden Wirkung geschildert wird, hat wohl zum gleichen Ergebnis geführt.

Richard Heinze, der in seinem kürzlich erschienenen Buche über Vergils epische Technik eine Reihe von Fragen abschliessend behandelt, scheint die bewusste Charakterisierung der Personen durch den Dichter etwas zu überschätzen. Wenn er sagt Andromache sei in B. III nur als die ungetröstete, ohne Ende trauernde Witwe Hektors und Mutter des Astyanax gezeichnet, der augen- blicklichen, vergleichsweise glücklichen Lage sei kein Einfluss auf ihr Wesen gestattet, so möchte man dagegen geltend machen, dass ein solches Scheindasein mit einem im Gegensatz zur äusseren Lebensform stehenden Innen- leben wohl etwas zu modern ist, als dass wir es bei Vergil suchen dürften. Der Dichter wollte seinen Lesern Andromache zeigen, weil sie in der Ilias eine Rolle spielt. Er musste sie daher so zeichnen, dass die betr. Homer- stelle vor das geistige Auge des Lesers tritt. Daher müssen ihre Beziehungen zu Hektor im Vordergrund stehen. Auch wollte Vergil nicht so sehr charakteri- sieren als vielmehr die Stimmung darstellen, die zum Ausdruck kommen muss, wenn Leute von dem Schick- sal des Aeneas und der Andromache sich unvermutet wiedersehen. S. 134 sagt Heinze, Dido sei das Ideal- bild eines heroischen Weibes, wie es sich Vergil dar- stelle, und I 561 müsse man als einen Fehlgriff be- trachten. Wenn uns die Charakteristik der Dido vollen- deter erscheint, so liegt der Grund darin, dass sie mehr in dem Vordergrunde steht und von einer grossen Leidenschaft beherrscht wird. Was Vergil zeichnet, ist weniger ein in sich völlig geschlossener Charakter, son- dern die Einwirkung der exklusivsten Leidenschaft auf