Vergilstudien II.
a) Allgemeines.
Wenn man die Wertschätzung der Aeneis in früheren Zeiten mit den Urteilen der Gegenwart vergleicht, wird man den Versuch einer eingehenden aesthet. Würdigung dieses hervorragenden Werkes der Weltlitteratur nicht für überflüssig halten können. Aber es bieten sich bei der Lösung dieser Aufgabe grosse Schwierigkeiten. Denn der poetische Wert der Aeneis liegt weniger in den grossen Zügen der Handlung und der Charakteristik, sondern in den zahllosen Einzelheiten, die uns die dichterische Eigen- art Vergils zum Bewusstsein bringen. Ein aesthetischer Kommentar zur Aeneis müsste daher eine fortlaufende, eingehende Erklärung der einzelnen Bücher werden. Da- bei wären Wiederholungen unvermeidlich, und die Ueber- sichtlichkeit wäre gefährdet. In folgendem soll auf einige Gesichtspunkte hingewiesen werden, die bei der Beurteil- ung der Aeneis in Betracht kommen. Bei Vergil denkt man unwillkürlich an Homer. Da drängt sich uns zunächst eine gewisse Aehnlichkeit in der Behandlung des Stoffes auf. Der erste Teil ähnelt der Odyssee, der zweite der Ilias. Die Aeneis gehört, wie die llias und die Odyssee dem trojanischen Sagenkreis an. Aber hier ergiebt sich gleich eine Verschiedenheit. Die Aeneis und die hom. Gedichte bilden keine konzentrischen Kreise, sondern solche, die sich schneiden. Die Aeneis sollte den Römern ein Werk geben, das einen Ersatz der hom. Gedichte zu bieten geeignet war. Deshalb erinnern möglichst viele Züge an diese. Auf Vergils Werke könnte man bezüglich ihres Verhältnisses zu den griechischen Vorbildern an Ovids Worte„facies non omnibus una nec diversa tamen, qualem decet esse sororum“ erinnern. In den Eklogen sehen wir, dass fast jede aus Theocrit entlehnte Wendung durch den röm. Dichter ein eigentümliches Gepräge er- halten hat und in einem andern eigenartigen Zusammen- hang verwertet ist, so dass jedes einzelne Gedicht einen selbständigen Wert besitzt. Das Gedicht vom Landbau soll auch an Hesiod erinnern, gleichwohl hat es sein national röm. Gepräge und den Stempel der dichterischen Eigenart seines Verfassers. So zeigt auch die Aeneis in der Behandlung des Stoffes im grossen eine Verwandt- schaft mit den homer. Gedichten, zahlreiche Motive er- innern an diese, vieles Stoffliche ist als Reminiscenz in das römische Nationalepos mehr oder weniger geschicht- lich verflochten, man denke nur an die Tempelbilder im ersten Buche; zahlreiche Vergleiche lehnen sich an Homer, wenn auch mit eigentümlichem Gepräge an. Wir sollen also bei der gesamten Poesie Vergils die Beziehungen zu den griechischen Vorbildern stets empfinden, aber zugleich das Eigentümliche erkennen. Wir können uns daher ganz gut denken, dass Vergil die Abhängigkeit von seinen Vorbildern, die ihm oft zum Vorwurf ge- macht wird, gar nicht als solchen empfunden hätte, da er sich über die Rolle, die seine Vorbilder in seinen Werken spielen sollten, jedenfalls durchaus klar war. In dem Programm des vorigen Jahres ist der Versuch ge- macht worden das Eigentümliche der Götterscenen her- vorzuheben. Nun soll das Gleiche bezüglich des All-
gemeinmenschlichen versucht werden. Auf diesem Ge- biet finden wir gegenüber Homer einen ähnlichen Unter- schied wie zwischen Euripides und Aeschylus, oder zwischen der spätern Plastik der Griechen und den Werken des Phidias. Bei Homer ist das Seelenleben der Menschen einfach und elementar, bei Vergil pathetisch und reicher nüanciert. Zwischen beiden liegt eben die ganze Entwickelung der lyrischen und dramatischen Poesie, die Philosophie mit ihrer spekulativen Durchdringung aller Lebensverhältnisse, die Rhetorik mit ihrem Appell an das Stimmungsleben des Menschen. Dazu kommt noch die komplizierte Kulturwelt, in der der Dichter lebte, mit ihrer grossen zeitlichen Entfernung von der Sagenwelt.
Zunächst mögen einige Züge der hom. Poesie zu- sammengestellt werden, die bei Vergil fehlen. Wir finden in der Aeneis keine Stelle, die sich mit Hektor und Andromache der llias vergleichen liesse. Beide kommen zwar in der Aeneis vor, aber getrennt, ihr eheliches Ver- hältnis spielt nur als Reflex im 3. Buche eine Rolle, ein ähnliches Familienbild hat Vergil nicht geschaffen. An den Priamus der llias könnte ausser dem Priamus der Aeneis noch Anchises und Latinus erinnern. Aber der Priamus der Aeneis ähnelt mehr einem Theaterkönig, Anchises ist mehr ein Prinzip als eine Persönlichkeit, Latinus ist durch die Intrigue der Juno völlig zu dem Greis, der sich nicht zu helfen weiss, geworden. Sym- pathischer, an Priamus und Nestor gemahnend, ist Euander. Ein anziehendes Verhältnis zwischen Mutter und Sohn zeichnet Homer in Achill und Thetis. Wie konventionell und unnatürlich erscheinen als Gegenstück dazu die Be- ziehungen zwischen Aeneas und Venus! In Achill und Patroclus stellt uns Homer ein Freundespaar vor Augen, sie nehmen eine centrale Stellung in der Ilias ein. Nisus und Euryalos können, was den allgemein menschlichen Gehalt anlangt, keinen Ersatz bieten, auch haben sie nur eine episodische Bedeutung. Aeneas selbst ist weder Achill noch Odysseus. Er ist kein Individuum sondern ein Prinzip, ein Gefäss, der Träger einer höheren Mission ohne die erforderliche in seinem Menschentum deutlich hervortretende Legitimation. Auch für eine Penelope hat der Dichter keinen Platz gefunden. Creusa, die sich II 673 ff. echt menschlich gezeigt hat, ist schon 770 in die Geisterwelt entrückt; denn es muss für Dido und Lavinia Raum geschaffen werden. Wie anschaulich steht die homerische Helena vor unseren Augen! Vergil hat sie auch in sein Epos gebracht, aber er hebt nur eine ihm besonders interessante Stimmung hervor, ihre gleichzeitige Furcht vor den Trojanern und vor Menelaus. Ascanius ist verglichen mit Telemach bedeutungslos, er ähnelt dem Amor; 9, 621 möchte man an Lulu bei Saarbrücken denken. Auch kein Eumäos findet sich in der Aeneis, es fehlt eben der homerische Zusammenhang der Stände. Nur vornehme Leute passen in die Darstellung des höfischen Dichters, selbst Drances ist gegen Thersites ein Demagoge im Gehrock; sein Verhalten wird uns


