51 des ewigen Lebens und ihn feſthalten wird bis ans Ende*). Wohl weiß er: wer von Gott ge⸗ boren iſt, der bewahret ſich(1. Joh. 5, 18). Aber dieſer Gedanke der Selbſtbewahrung, der ſittlichen Selbſtthätigkeit, wird aufgenommen in den höheren religiöſen Gedanken, daß es Gottes Wille iſt, der ihn in Chriſto ergriffen hat und ihn in ſeinen ſchützenden Armen trägt und bewahrt. Die religiöſe Selbſtbe⸗ urteilung ſtellt auch das ſittliche Wollen und Handeln in die direkte Abhängigkeit von Gott, indem ſie es unter die Gnadenwirkungen ſubſumiert.
Üüber dieſen Dualismus kommen wir nicht hinaus. Wir fühlen uns frei und doch zugleich umfaßt von Gottes Macht. Obwohl wir uns als frei erkennen, müſſen wir uns doch wieder im ganzen Umfang unſerer Selbſtthätigkeit als abhängig von Gott denken. Was ſich dem ſittlichen Bewußtſein als eine Aufgabe darſtellt, das Reich Gottes, beſitzt der Glaube bereits als ein göttliches Geſchenk. Dieſer Dualismus der ethiſchen und religiöſen Betrachtungsweiſe iſt ſchriftgemäß. Der Apoſtel ſagt: „Schaffet, daß ihr ſelig werdet mit Furcht und Zittern“, und fügt hinzu:„Denn Gott iſt es, der in euch wirket, beides, das Wollen und das Vollbringen“.(Phil. 2, 12. 13.) Wie ſich beides miteinander ver⸗ einigt, vermögen wir nicht zu erkennen. Genug, es iſt ſo. Wir müſſen zwiſchen beiden Betrachtungs⸗ weiſen abwechſeln und uns eine Thatſache nach der andern vergegenwärtigen. Auch die Fläche einer Kugel vermögen wir nicht mit einem Blicke zu überſchauen, ſondern verlieren ſtets bei Betrachtung der einen Seite die andere aus dem Auge. So auch hier. Wir müſſen beſtändig wechſeln zwiſchen dem beruhigenden religiöſen Bewußtſein: wir ſind wiedergeborene Chriſten, und dem uns auſſtachelnden ſittlichen Be⸗ wußtſein: was wir nach Gottes Willen ſind, müſſen wir durch eigenen Willen werden. Wir ſind Chriſten, aber im Werden. Die Wiedergeburt iſt eine religiöſe Gabe; die Bekehrung aber unſere ſitt⸗ liche Aufgabe, alſo nicht möglich ohne unſere Mitwirkung. Wie unſer leibliches Leben in beſtändigem Wechſel verläuft zwiſchen Ruhen und Arbeiten, Schlafen und Wachen, Einatmen und Ausatmen, ſo iſt auch unſer geiſtiges Leben ein immerwährendes Einnehmen und Ausgeben, Empfangen und Producieren, ſorg⸗ loſes Ausruhen und energiſches Arbeiten. Nur geht das Empfangen ſtets dem Producieren voran. Immer wirtſchaftet der Menſch mit Kapitalien, die ihm Gott geliehen hat. Das ſittliche Leben der Buße und Heiligung wurzelt daher in der Gewißheit der Wiedergeburt als in ſeinem ewigen, überſinn⸗ lichen Grunde, wie das zeitliche Werden in einem ewigen Sein. An dieſer Gewißheit hat das Chriſten⸗
*) Vgl. Formula Conc. IJ, 7. XI, 617. 618: hic articulus magnam piis mentibus consolationem affert, si recte explicatur. Praedestinatio sive aeterna Dei electio tantum ad bonos et dilectos filios Dei pertinet et haec est causa ipsorum salutis. Super hanc praedestinationem salus nostra ita fundata est, ut inferorum portae eam evertere nequeant. Haec praedestinatio in verbo Dei revelatur(„nemo ex ipsius manibus rapere nos potest“ Joh. 10, 20). In Üübereinſtimmung damit iſt auch in den Bekenntniſſen der deutſch⸗reformierten Kirche die Prädeſtination nur nach dieſer ihrer tröſtlichen und erbaulichen Seite zum Ausdruck gekommen. So in dem Bekenntnis der heſſiſchen Ge⸗ neralſynode von 1607:„Wir verwerfen alles vorwitzige Forſchen und Disputieren hierüber; enthalten uns auch der harten Reden, ſo etwa von andern gebraucht und den Einfältigen zur Verzweiflung oder fleiſchlichen Sicherheit Anlaß geben möchten, und führen dieſe Lehre alſo, daß ſie dem Menſchen diene zum gewiſſen beſtändigen Troſt und gottſeligen Leben und Wandel. Unſer Bekenntnis iſt dasjenige, ſo Herr Lutherus in der Vorrede über die Epiſtel an die Römer gethan, welches alſo lautet: Am 9., 10. u. 11. Cap. lehrt Paulus von der ewigen Vorſehung Gottes, daher es urſprünglich fleußt, wer glauben oder nicht glauben ſoll, damit es ja gar aus unſeren Händen genommen und allein in Gottes Hand geſtellet ſei, daß wir fromm werden, und das iſt auf's allerhöchſte nötig. Denn wir ſind ſo ſchwach und ungewiß, daß, wenn es bei uns ſtünde, würde freilich nicht ein Menſch ſelig; der Teufel würde ſie gewiß alle überwältigen.“ Ferner in der 53. u. 54. Frage des Heidelberger Katechismus:„SIch glaube, daß der heilige Geiſt auch mir gegeben iſt und bei mir bleiben wird in Ewigkeit. Ich glaube, daß der Sohn Gottes aus dem ganzen menſchlichen Geſchlecht ſich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben ſammle, ſchütze und erhalte, und daß ich in derſelbigen ein lebendiges Glied bin und bleiben werde.“— Soweit ruht die Lehre auf perſön⸗ licher Heilserfahrung; über den Grund des Unglaubens ſagt das chriſtliche Glaubensbewußtſein direkt nicht⸗ aus.—


