Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
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unmittelbaren Gewißheit, mit der die Gegenſtände der ſinnlichen Anſchauung ſich aufzeigen laſſen, nicht mit der zweifelloſen Gewißheit eines mathematiſchen Lehrſatzes treten uns die Glaubensobjekte und Glaubenswahrheiten entgegen, ſo daß ſie auch den eingefleiſchteſten Egoiſten gegen ſeinen Willen zur Anerkennung zwängen und ihn nötigten, mit ihnen als einem, wenn auch unbequemen, ſo doch nicht zu umgehenden Faktor zu rechnen, ſondern ſie enthüllen ſich nur dem, deſſen Wille ſich in der Richtung auf das Gute bewegt. Das Seligkeitsgut iſt nur für denjenigen wirklich und begehrenswert, der die Forderung des Sittengeſetzes auch als für ſich geltend anerkennt. Niemand kann es ſich daher aneignen und genießen, ohne damit zugleich den Boden der Selbſtſucht zu verlaſſen. So macht uns der chriſtliche Glaube nur ſelig, indem er uns zugleich gut macht. Deus tanto cognoscitur, quanto diligitur. Das Gebiet der Glaubens⸗ wahrheiten bleibt dem verſchloſſen, der ſie zu einem Gegenſtand ſelbſtſüchtiger Spekulation machen möchte. Für ihn exiſtieren ſie überhaupt nicht. Auf dieſem Gebiet geht eine Erweiterung unſerer Erkenntnis nur Hand in Hand mit einer entſprechenden Änderung der Geſinnung und Beſſerung des Willens. Das iſt gerade der Vorzug der Glaubenswahrheiten, daß ſie von Draußenſtehenden geleugnet, bezweifelt und als Illuſion verſpottet werden können. Wäre es anders, ſtünden ſie mit Flammenſchrift am Firmament, ſtünde Gott und die Ewigkeit in furchtbarer Majeſtät jedem unleugbar vor Augen, wären Gottes Offen⸗ barungen mit der Untrüglichkeit wiſſenſchaftlicher Ergebniſſe ausgeſtattet, Gottes Reich würde ein Gegenſtand ſelbſtſüchtiger Spekulation*). Alle Anbeter des goldenen Kalbes würden den Allgewaltigen loben mit Sang und Harfenſpiel, aber nicht um Gottes willen, ſondern um ihrer ſelbſt willen. Man würde aus Furcht ſittlich handeln, aber nicht mit Luſt und Freudigkeit. Darum hat Gott gewollt, daß die Glaubens wahrheiten profanen Blicken verborgen bleiben, daß Gebetserhörungen nicht mit der⸗ ſelben Sicherheit wie das Vorhandenſein des Sauerſtoffes ſich jedem nachweiſen laſſen. ja daß Gott ſelbſt geleugnet werden könne. Denn er wollte nicht, daß aus Tugend und Glauben ein Geſchäft gemacht würde. Er wollte ſich nicht Höflinge großziehen, ſondern freie Bürger in ſeinem Reiche, die ihn lieben wie Kinder ihren Vater. Liebe will aber ein freies Opfer ſein.

Wenn wir das nur immer feſthalten, daß Gott uns nicht mechaniſch zum Glauben zwingt, ſondern moraliſch unſere Liebe erobert und uns Vertrauen abnötigt, dann brauchen wir nicht zurückzuſchrecken vor dem Gedanken, der ein unveräußerliches Moment unſeres religiös⸗ſittlichen Bewußt⸗ eins bildet: daß Gott allein, ohne unſer Zuthun, in uns den Glauben und die Wiedergeburt wirket. Je kraftvoller, kühner und zuverſichtlicher der Glaube in einem Menſchen lebt, deſto mehr weiß er ſich als Gabe und Geſchenk eines Höheren. Es iſt nicht zufällig, daß alle Glaubensheroen Anhänger der Präde⸗ ſtination geweſen. Nur ein Glaube, den Gott gewirkt, iſt unerſchütterlich und unverlierbar. Denn, was die Welt nicht geben kann, kann ſie auch nicht rauben. Der Chriſt hat aber das unveräußerliche religiöſe Bedürfnis, ſeiner Seligkeit unbedingt gewiß zu ſein; und dieſes Bedürfnis ſoll der Gedanke der Prädeſti⸗ nation befriedigen. Sicher ruht das Heil und unverlierbar nur in der Hand deſſen, der geſagt hat:Ich gebe ihnen das ewige Leben; und ſie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird ſie aus meiner Hand reißen. Wer einmal zum wahren Glauben gekommen iſt, wer einmal den Herrn erfaßt hat, um ihn als den einzigen Hort ſeines Heiles feſtzuhalten, der weiß auch, daß dieſer Glaube nicht ſein Werk iſt, ſondern das Werk Gottes, der ihm zuvorgekommen iſt in freier Gnade, ihn geſucht und gefunden hat. Er weiß ſich aufgenommen in den Bund mit Gott und umſchlungen von den Armen ſeines Gottes, der ihn zu ſich gezogen hat aus lauter Güte, der ihn unabläſſig nährt mit den Kräften

*) Vgl. hierzu namentlich(Nagel), Der chriſtliche Glaube und die menſchliche Freiheit. Gotha 1880. Auch Kant, Kritik der praktiſchen Vernunft.(Am Schluſſe des erſten Teiles.)