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Menſchen würdig iſt. Denn das Wort wirkt nicht magiſch. Im Wort wird das ganze innere Leben eine Perſönlichkeit, ihr Wollen, Denken, Empfinden für andere durchſichtig und zugänglich. Nur was in dieſer Form an mich herantritt, was alſo die Form meines eigenen Geiſteslebens hat, kann ich mir frei aneignen, ſo daß ich mich ſelbſt darin wieder finde und, indem ich mich ihm unterwerfe, nur mir ſelbſt zu gehorchen glaube*). Sobald dagegen, wie in der katholiſchen Kirche, die Sakramente in den Mittelpunkt geſtellt werden, wird der ganze Prozeß zwiſchen Gott und dem Menſchen aus einem ethiſchen zu einem unklar gedachten ſubſtantiellen**). Auf eine Subſtanz kann ich rechnen, aber ich kann ihr nicht vertrauen. Das Wort wirkt allein durch ſich ſelbſt, durch die überwältigende Macht, die der Wahrheit ſelbſt inne wohnt. Das Wort der Offenbarung will uns nicht als eine unverſtandene Auktorität gebieten, ſondern als eine Macht der Wahrheit überzeugen, indem es durch ſeinen Inhalt unſer ſittliches Erkennen wunderbar vertieft und unſer ſittliches Bedürfnis wunderbar befriedigt. Das Wort legitimiert ſich nicht durch bloße Berufung auf göttlichen Urſprung, ſondern durch das, was es in uns wirket, beweiſt es, wie ſehr es verdient, daß wir uns ihm gefangen geben. Eine Wahrheit, die uns bloß befiehlt, bleibt uns ein fremdes, unverſtandenes, rein äußerliches Geſetz, das uns niederdrückt; von ihr kann man nicht ſagen: ſie wird euch frei machen(Joh. 8, 23). Befreien, beglücken kann uns nur eine Wahrheit, die durch ſich ſelbſt die Anerkennung ihrer Giltigkeit hervorzubringen vermag, indem ſie uns ſelbſt ihren Wert fühlen läßt und ſo mit unſerm innerſten Perſonleben, mit unſerem Denken, Fühlen und Wollen organiſch ver⸗
wächſt***).(Vgl. oben S. 11 Anm.). Die Anerkennung der Offenbarungswahrheiten iſt alſo ſittlich vermittelt, das will ſagen: ſie iſt Sache des Willens. Die Offenbarungswahrheiten beweiſen ſich nicht jedem, ſondern nur dem, der den Boden des Egoismus verlaſſen hat, deſſen Gewiſſen ſich lebendig regt und der von der Notwendigkeit eines ſittlichen Lebens überzeugt iſt. Das Sittengeſetz iſt der ³συνσσꝙο εiςᷣ X́Oντα. Nicht mit der
**) Darum hat das gläubige Chriſtenleben ſeinen evangeliſchen Charakter gerade darin, daß es allein auf dem Worte ruht. Die Sakramente ſind kein beſonderes Gnadenmittel neben dem Wort, ſondern ein Zeichen, Abbild und Unterpfand des Wortes, ſind alſo dem Wort untergeordnet, wie das Siegel dem Brief, wie der Handſchlag dem Verſprechen. Auch dieſe fügen nichts Neues hinzu, ſondern bekräftigen nur das Geſagte und Geſchriebene. Die Sakramente dienen nach altproteſtantiſcher Anſchauung nur„zur Beſtätigung unſeres Glaubens an die göttliche Verhei⸗ ßung“. Sie ſind eine beſonders geartete, an den einzelnen als ſolchen gerichtete Wortverkündigung, in der ihm der gött⸗ liche Wille beſonders nahe tritt und verſtändlich wird. Vgl. Conf. Aug. art. XIII.: sacramenta sunt„signa et testimonia voluntatis Dei erga nos ad excitandam et confirmandam fidem in his, qui utuntur, proposita“. Außerdem Apol. Couf. cp. VI., 5:„sicut autem verbum incurrit in aures, ut feriat corda: ita ritus ipse incurrit in oculos, ut moveat corda. Idem effectus est verbi et ritus, sicut praeclare dictum est ab Augustino, sacramentum esse verbum visibile, quia ritus oculis accipitur, et est quasi pictura verbi, idem significans quod verbum?.— Nur wenn das Sakrament ſo gefaßt wird, kann von freier Aneignung die Rede ſein; darum wird auch nach evangeliſcher Anſchauung nur der Gläubige des ſakramentlichen Segens teilhaftig. Das Sakrament will den Glauben an das Wort kräftigen. Es iſt daher eine be⸗ denkliche Entfernung von der echt evangeliſchen Anſchauung, wenn man meint, im Sakrament handele es ſich um Mitteilung unperſönlicher, ſachlicher, ſubſtantieller göttlicher Kräfte, die das Wort nicht zu geben vermöge; der ſakramentliche Verkehr mit Gott und Chriſto ſei ein Vorgang, der ſich nicht im Bewußtſein vollziehe, ſondern im Verborgenen; das Sakrament wende ſich nicht an die bewußte Perſönlichkeit, ſondern an den geheimnisvollen dunkeln Naturgrund, wo der Menſch mit der Gattung verwachſen ſei und aus dem das bewußte Ich ſeinen Inhalt und ſeine Beſtimmtheit empfange. Das wäre ein Wirken Gottes auf den Menſchen mit Umgehung des bewußten Willens, eine magiſche Umwandlung, eine Art Trans⸗ ſubſtantiation— alſo römiſcher Sauerteig! Wo Gott dem Menſchen giebt, zaubert er es nicht in ihn hinein, zwingt es ihm nicht auf, ſondern reicht es ihm ſtets zu freier Aneignung dar, d. h. ſo, daß der bewußte Wille des Menſchen dabei in Anſpruch genommen wird. Die Bekenntniſſe haben dafür den Ausdruck exhibere oder offere.
**²) Vergl. Achelis, Die evangeliſche Predigt eine Großmacht. Marburg 1888.— Herrmann, Der Begriff der Offenbarung. Gießen 1883.
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