Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
Einzelbild herunterladen

47

Werk Gottes, der durch die Offenbarung in Jeſu Chriſto uns Vertrauen abgewinnt und abnötigt und uns dadurch innerlich überwältigt. Nur ein auf ſolche Weiſe wie von ſelbſt entſtandener, urwüchſiger Glaube, den wir nicht abſichtlich durch einen Willensentſchluß in uns hervorgerufen und nicht mit Mitteln menſchlicher Kunſt uns erkämpft haben, hat die Kraft uns zu tragen, nur er hält ſtich in dem Kampf mit der Not des Lebens. 3.

Der Glaube iſt alſo nicht das dem Menſchen von Natur eignende 56νον ⁷μ απ⁶νi, die Hand, mit der er die von Gott dargereichte Gabe infolge freien Entſchluſſes annimmt, ſondern er entſteht über⸗ haupt erſt unter dem Eindruck der den Menſchen überwältigenden und ihm Vertrauen abnötigenden Offen⸗ barungsthatſachen und iſt nichts anderes als die Form, in welcher der Menſch das Wunder der Neu⸗ ſchöpfung erlebt. Das Wunderbare daran iſt eben, daß der Glaube, den Gott allein in uns wirkt, doch unſer geiſtiges Eigentum iſt, eine Bewegung unſeres ureigenſten Ichs. In dem Vertrauen, das Gott uns abgewinnt, atmet unſer eigener freier Wille. Die vertrauensvolle Hingabe an Gott in Chriſto iſt der innerlichſte Akt der Freiheit, und zugleich wiſſen wir uns voll und ganz abhängig von der Gnade, aus der uns jene Zuverſicht quillt, und fühlen uns von den Armen der göttlichen Liebe umfaßt und zu Gott erhoben. Beides iſt ſehr wohl zu vereinigen.

Wir müſſen uns nur losmachen von der verkehrten, deiſtiſchen Anſchauung, als ſeien menſchliche und göttliche Thätigkeit zwei einander einſchränkende und ausſchließende Größen, ſo daß der Menſch nur da wirkſam thätig ſein könne, wo und ſoweit Gott mit ſeiner Thätigkeit pauſiere, zurücktrete und dem Menſchen Raum laſſe*). Göttliches und kreatürliches Wirken ſind völlig in⸗ kommenſurable Größen, die ſich nicht auf einen Nenner bringen laſſen. Sie ergänzen ſich nicht noch ſtoßen ſie ſich, noch ſchließen ſie ſich aus. Ich kann ein Ereignis, wie z. B. Krankheit, Geneſung, Er⸗ rettung aus Todesgefahr, voll und ganz aus ſeinen innerweltlichen Faktoren erklären nach dem Geſetz der Kauſalität damit habe ich es nur unter dem ätiologiſchen, wiſſenſchaftlichen Geſichtspunkte betrachtet. Daneben bleibt aber immer noch Raum für eine religiöſe Beurteilung desſelben Ereigniſſes, durch welche der ganze Kauſalzuſam menhang nicht geleugnet, wohl aber einer teleologiſchen Wertſchätzung nach dem Maßſtab der höchſten ethiſchen Zwecke unterworfen und damit unter den Geſichtspunkt eines göttlichen Thuns gebracht wird. Die Gewißheit, daß in dieſem Ereignis, das in ſeinem Kauſalzuſammen⸗ hang mir völlig durchſichtig iſt, Gott mit mir redet und mir etwas zu ſagen hat, daß darin ein Stück ſeines Liebeszweckes verwirklicht iſt, der es auf die Förderung meines inwendigen Menſchen abgeſehen hat, iſt eine Gewißheit des Glaubens und völlig unerreichbar der rein wiſſenſchaftlichen Betrachtung, die es lediglich auf eine Erklärung des Ereigniſſes aus ſeinen natürlichen Zuſammenhängen abgeſehen hat und mir wohl ein vollſtändiges Bild des Ereigniſſes gibt, aber nimmermehr die Bedeutung desſelben er⸗ ſchließt. Es iſt darum eine heilloſe Überſchätzung der wiſſenſchaftlichen Erkenntnis, wenn man meint, die Glaubensausſage:Hier hat Gott in mein Leben eingegriffen ſtützen zu können durch denwiſſenſchaft⸗ lichen Nachweis einer Lücke in der Kette der Urſachen. Fehlt ein Glied in dieſer Kette, ſo mag das für die wiſſenſchaftliche Betrachtung eine Aufforderung ſein, weiter darnach zu forſchen. Daß aber das Ereignis dadurch allein ſchon verehrungswürdiger und bedeutender würde, indem dadurch aufs klarſte und un⸗ zweideutigſte auch dem frivolſten Menſchen ſich die Gewißheit aufdränge, daß Gott eingegriffen habe, iſt ein ſchwerer Irrtum. Denn es kann nicht die göttliche Kauſalität als eine völlig gleichartige neben die kreatürliche Kauſalität treten und ſich mit dieſer zu einem gemeinſamen Reſultat verbinden. Es wäre auch ein bedenkliches Zeichen von Glaubensſchwäche, ja von offenbarem Unglauben, wenn man meinen wollte, der Glaube lebte nur vom Nichtwiſſen, Gott ſei nur da zu finden, wo der Menſch den Kauſal⸗

*) Vgl. hierzu Haupt, a. a. O.