Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
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die innere Thür geöffnet wird. Über die hat aber niemand Gewalt, denn allein der unberechenbare freie Wille. Und dieſen beeinflußt niemand. Entſcheidet er ſich für Gott, ſo iſt es lediglich ſein eigenes Werk.

Dem widerſprechen aber die Ausſagen des religiöſen Bewußtſeins, ja die Verteidiger der Willens⸗ freiheit treten ſogar mit ihren eigenen Vorausſetzungen in Gegenſatz. So ſagt z. B. Vilmar in der Theologiſchen Moral(2. Teil S. 1 ff.):Wir müſſen uns als tot und als gänzlich unfähig erkennen, uns ſelbſt aus dieſer eiſernen Herrſchaft der Sünde und des Todes zu befreien. Nur durch einen neuen Schöpferakt Gottes können wir von unſeren Sünden frei und in das urſprüngliche, Gott ebenbildliche Leben wieder eingeſetzt werden; es muß mit uns eine Neuſchöpfung, nicht bloß eine Ver⸗ änderung oder Ausbeſſerung vorgenommen werden. Das Ceutrum des Lebens, der tiefſte Wille des Menſchen iſt ſelbſt von Gott abgewandt und zerrüttet; er iſt finſter geworden in ſeinem geheimſten Kern, wie denn diejenigen, welche etwas von ihrem Sündenelende wiſſen, in den Augenblicken ihrer momentanen Erleuchtung bekennen: es ſei in dem tiefſten Innern ihrer Seele wie ein dunkler Punkt, und in dieſem ſei das verborgen:Ich will aber nicht. Es beweiſt dies, daß der Wille von Grund aus ge⸗ wendet werden muß, es beweiſt die Notwendigkeit einer Neuſchöpfung. Dieſe vollzieht ſich durch die Wiedergeburt. Es iſt dieſes ein Vorgang im Centrum unſeres Geſamtlebens, in dem eigentlichen Brenn⸗ punkt unſeres Daſeins; ein Ereignis, das wie die urſprüngliche Menſchenſchöpfung über das Faſſungs⸗ vermögen des Menſchen hinausgeht und das wir nur in ſeinem Erfolg erkennen und begreifen. Sie geſchieht in tiefſter Verborgenheit, der Außenwelt unvernehmbar und unbegreiflich. Es iſt eine aus⸗ ſchließliche That Gottes, an welcher der Menſch als Wirkender, Vollziehender keinen Teil hat, weil er eben tot iſt. Gleichwohl aber ſoll es auch wieder nurein Darreichen und Anbieten Gottes ſein, das wir anzunehmen, zu empfangen und uns anzueignen haben. Damit wird aber geſagt, daß die Wiedergeburt vor ihrer Aneignung durch den Menſchen unvollſtändig iſt, daß alſo nicht Gott allein, ſondern mit ihm der Menſch ſie wirkt. Wie ſoll man ſich das aber denken? Erſt überwindet die Gnade allen Widerſtand des Menſchen, und das Herz wird vom tiefſten Grunde aus neu geboren und um⸗ geſtaltet und dann ſoll doch wieder ein freier Wille darüber ſchweben, dahinter verborgen ſein, von dem es ſchließlich abhängen ſoll, ob er ſich dieſe Umgeſtaltung gefallen laſſen will oder nicht. Dann darf man auch nicht reden vom tiefſten Lebenskern der Perſönlichkeit und vom Brennpunkt des Daſeins, der umgewandelt ſei; das eigentliche Centrum, von dem alles abhängt, iſt dann der freie Wille, und die Umwandlung und Neuſchöpfung Gottes erſtreckt ſich nicht auf dentiefſten Lebenskern, auf dasIch unſeres Ichs, ſondern nur auf die Oberfläche. Der Glaube, in dem ſich die Wiedergeburt erſt wirklich vollzieht, iſt dann eine Folge des freien Entſchluſſes. Schließlich hat nicht Gott dem Menſchen geholfen, ſondern er hat ſich ſelbſt geholfen.

Das Bewußtſein des Gläubigen weiß aber von ſolcher religiöſen Selbſthülfe nichts). Der Glaube, d. h. das rückhaltloſe unbedingte Vertrauen, welches die Grundlage unſeres ganzen Chriſtenſtandes bildet, iſt nichts weniger als eine ſelbſtändige Leiſtung unſerer trotzigen Willenskraft und das Reſultat eigener Kraftanſtrengung. Er wäre ſonſt nicht im ſtande, uns zu neuen Menſchen zu machen und das ganze ſittliche Leben zu tragen. Dem natürlichen Menſchen iſt ſolcher Glaube ſogar ganz unerreichbar; keine natürliche Einſicht kann ihn begründen, kein noch ſo kräftiger Wille kann ihn aufrichten. Das natürliche Herz wagt gar nicht zu glauben, daß Gott ihm eine ſo überſchwängliche Gnade wirklich ſchenken ſollte. Als Werk des natürlichen, unwiedergeborenen Menſchen, als Fortſetzung des früheren Lebens läßt ſich der Glaube nicht erleben. Er iſt ein wunderbar Neues, die Gabe und das Werk eines Stärkeren, der uns überwindet und dem wir uns gefangen geben müſſen. Er iſt das alleinige

*) Vergl. zu dem Folgenden Herrmann, die oben genannten Schriften.