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beſtimmenden Faktor in den Prozeß der Heilsaneignung ein*). Seitdem iſt die lutheriſche Dogmatik immer beſtrebt, die Einwirkung des göttlichen Geiſtes auf den Menſchen zum Behuf der Wiedergeburt ſo zu beſtimmen, daß ihr gegenüber ſich der Menſch ſelbſtthätig verhalten kann, indem er ſie abweiſt oder ſich ihr hingiebt.
Man ſtellt jetzt auf lutheriſcher Seite den Vorgang etwa folgendermaßen**) dar. Zunächſt wirkt die Predigt des Evangeliums unwiderſtehlich. Denn Gottes Wort kommt nicht leer zurück; ſein richtender Ernſt und ſeine erbarmende Liebe bleiben nicht ohne Eindruck auf das menſchliche Herz. So iſt das Wort begleitet von motus inevitabiles, von Eindrücken, denen ſich niemand entziehen kann, die daher jeder als ungewollte und unerwartete erfährt und bei denen er ſich rein paſſiv verhält. Er fühlt ſich von einer höheren Macht getroffen, ergriffen, erſchüttert, in eine Bewegung verſetzt, die ihm bis dahin fremd war und die ohne ſeinen Willen über ihn gekommen iſt. Aber dieſes Wirken der Gnade hat ſeine Schranken an der Wahlfreiheit. Von dem Ergriffenwerden durch die Gnade wird ſcharf unterſchieden die eigent⸗ liche Entſcheidung für das Heil; von dem, was Gott gethan, das, was nun der Menſch thut. An ihm iſt es jetzt, ſich mit ſeinem bewußten Willen in Kraft ſeiner Selbſtbeſtimmung zu entſcheiden, ob er auf die Bewegung, in die er ſich verſetzt ſieht, eingehen und ſie zu ſeiner eigenen perſönlichen That machen oder ob er dem Zug des Geiſtes entſchiedenen Widerſtand entgegenſetzen will. Erſt wenn der Wille nun von ſich aus der göttlichen Gnadenwirkung zuſtimmt, kommt es zum Glauben und damit zur Wieder⸗ geburt. Dieſe facultas applicandi se ad gratiam iſt jedoch inſofern von der Melanchthoniſchen ver⸗ ſchieden, als ſie nicht dem natürlichen Willen eignet; denn der natürliche Wille iſt völlig unfähig, aus ſich heraus der Gnade zuzuſtimmen, kann alſo auch nicht bei der Wiedergeburt als mitwirkend gedacht werden. Die Fähigkeit, der Gnade zuzuſtimmen und ſich ihr zu öffnen, wie die Blume dem Sonnenlicht ſich öffnet, iſt nicht eine dem natürlichen Menſchen im Grunde einwohnende, aber ſchlummernde Kraft, die von der Gnade nur geweckt wird, ſondern ſie iſt ſelbſt eine Wirkung und ein Geſchenk der ſchöpferiſch thätigen Gnade, eine Folge davon, daß das Wort ihn ins Herz getroffen hat. Erſt in Kraft— nicht etwa nur aus Anlaß— der empfangenen Gnadenwirkung vermag ſich der Menſch frei für die Gnade zu entſcheiden. Die Gnade hat das durch die Sünde verloren gegangene liberum arbitrium wieder her⸗ geſtellt, und nunmehr erſt iſt es in ſeinen Willen geſtellt, ob er ſich Gott oder der Sünde zuwenden will.
Dieſe Anſchauung iſt aber durchaus ſynergiſtiſch. Denn der Glaube iſt hiernach nicht ganz, ſondern nur zum Teil das Werk Gottes. Gott wirket nicht den Glauben, ſondern ermöglicht ihn nur. Gott mag dem Menſchen noch ſo nahe kommen, in das eigentliche Centrum des Menſchen, dieſes Adyton, reicht auch ſeine Wirkſamkeit nicht. Er klopft wohl an die innerſte Herzensthür, aber er vermag ſie nicht zu öffnen. Und wenn man auch notgedrungen zugiebt, daß der heilige Geiſt das Herz auf⸗ ſchließt, ſo denkt man ſich die Sache doch immer wieder ſo, als ob es ſich hier um zwei Thüren handele. Mag auch die äußere Herzensthür Gott öffnen; zum wirklichen Glauben kommt es doch erſt, wenn auch
*) Vgl. D. F. Strauß, Die chriſtliche Glaubenslehre. Tübingen 1841. 2. Bd.:„Die Konkordienformel iſt es, welche ſich die mißliche Aufgabe ſtellte, zwiſchen den Klippen des Melanchthoniſchen Synergismus und des Calviniſchen ab⸗ ſoluten Dekrets hindurchzuſteuern.... So wird denn die Einwirkung des göttlichen Geiſtes auf den Menſchen zum Behufe der Wiedergeburt als eine ſolche beſtimmt, welcher ſich der Menſch hingeben kann(er kann ſich frei entſchließen in die Kirche zu gehen, die Bibel zu leſen ꝛc. und ſich dadurch in Kontakt mit dem heiligen Geiſt bringen); dies, mit dem ent⸗ ſprechenden Widerſtehenkönnen läuft auf den Synergismus hinaus: daher wird hinzugeſetzt, das wirkliche Sichhingeben ſei die Wirkung des heiligen Geiſtes— mithin das Sichnichthingeben das Nichtwirken des heiligen Geiſtes; was die ab⸗ ſolute Prädeſtination wäre: zwei Anſichten, zwiſchen welchen die Konkordienſormel haltungslos hin⸗ und herſchwankt“.—
**) Vgl. hierzu Luthardt, Lehre vom freien Willen. Thomaſius, Chriſti Perſon und Werk. Darſtellung der evangeliſch⸗lutheriſchen Dogmatik. 4 Bde. Erlangen 1852— 61.


