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Es iſt die übereinſtimmende Lehre der heiligen Schrift wie der geſamten evangeliſchen Kirche, daß uns das religiöſe Gut der Sündenvergebung aus freier Gnade geſchenkt wird, uns, die wir„von Mutterleibe an voll böſer Luſt und Neigung ſind, auch keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können“. Alle Bemühungen des natürlichen Menſchen, durch das Verdienſt ſeiner Werke Gottes Wohlgefallen zu erwerben, müſſen an ſeinem gänzlichen Unvermögen ſcheitern. Darum klang es den armen blöden und erſchrockenen Gewiſſen, die da vergeblich hofften durch allerhand ſelbſt⸗ erdichtete Werke zu Ruhe und Frieden zu kommen, wie eine erlöſende Botſchaft, als Luther ihnen ver⸗ kündigte: was ihr ſucht, beſitzt ihr längſt, glaubet nur, daß ihr um Chriſti willen einen gnädigen Gott habt, zu dem ihr euch alles Guten verſehen dürft. Denn das iſt es, was das Herz umwandelt, neuen Sinn und friſchen Mut giebt und Freudigkeit Gottes Willen zu thun.(Vgl. oben S. 18 u. 19.) Dieſe Umwandlung unſeres Herzens, dieſe innere Neuſchöpfung oder Wiedergeburt erleben wir nun in der Form des Glaubens*). Die Frage:„Wie kommt es zur Wiedergeburt?“ iſt mithin gleichbedeutend mit der anderen:„Woher kommt der ſeligmachende Glaube?“ Der heſſiſche Landeskatechismus(von 1607) antwortet hierauf im Anſchluß an den Heidelberger Katechismus:„Er kommt nicht aus unſerer eigenen Vernunft noch Kraft, ſondern vom heiligen Geiſt, welcher denſelben durch die Predigt des Evangeliums wirket und ſchafft“. Hierdurch iſt jegliche Meinung, die den Schein erweckt, als ſei der natürliche Menſch in irgend einem Grade an der Wiedergeburt beteiligt, von vornherein ausgeſchloſſen. Auch die Konkordienformel verwahrt ſich in ſtarken Ausdrücken gegen den„Synergismus“, wie ihn Melanchthon in den ſpäteren Ausgaben ſeiner Loci theologici(von 1535 an) gelehrt hat. Sie geht ſogar ſo weit, daß ſie ſagt:„Der natürliche Menſch hat nicht einen Funken geiſtlicher Kräfte, er iſt völlig un⸗ vermögend, von ſich aus die göttliche Gnade zu ergreifen, denn er iſt geiſtlich tot; er iſt in geiſtlicher Hinſicht ein Stein oder Klotz, ja noch ſchlimmer als das; denn dieſe wehren ſich doch nicht, wenn man ſie in Bewegung ſetzt; der Menſch dagegen widerſtrebt notwendig dem heiligen Geiſt, der ihn erneuern will, er iſt Gottes Feind und Rebell. Die Wiedergeburt iſt mithin einzig und allein Sache des heiligen Geiſtes, und des Menſchen Wille verhält ſich dabei rein paſſiv; er wirkt nicht mit, ſondern er kann nicht anders, als von ſich aus entgegen wirken, er muß Gottes Wort als eine Thorheit verſpotten und ver⸗ werfen. Der heilige Geiſt muß alſo dieſen Widerſtand überwinden.“ Allein damit dieſe Anſicht nicht zur abſoluten Prädeſtination führe, ſchiebt nun die Konkordienformel doch wieder die Willensfreiheit als mit⸗
*) Auch diejenigen, welche in der Taufe den Akt der Wiedergeburt erblicken, müſſen auf Befragen zugeben, daß ſie nur von einer„keimartigen“ Wiedergeburt, und dem entſprechend auch von einem„keimartigen“ Bewußtſein und einem„fkeimartigen“ Glauben reden, alſo nur in ſehr uneigentlichem Sinne dieſe Worte brauchen, und daß es doch immer erſt der bewußte Glaube iſt, der die in der Taufe mitgeteilten Segenskräfte zu freier Wirkſamkeit entbindet. Die Taufe iſt der Ausdruck der ſteten Bereitſchaft Gottes uns unſere Sünden zu vergeben. Sie iſt der Grund, auf den ſich unſer Glaube ſtützt. Die Thatſache daß wir durch die heilige Taufe aufgenommen ſind in die Gemeinde Chriſti und unter dem Schatten ſeiner Flügel wohnen, iſt das, was uns Halt giebt in aller Not und woran wir uns aufrichten, wenn wir fallen. Am Himmel unſeres Bewußtſeins ſteht es mit leuchtenden Buchſtaben:„Dir ſind deine Sünden vergeben“. Wir brauchen nur die Augen aufzuſchlagen, und das Schuldgefühl muß erbleichen vor der ſtrahlenden Gewißheit der Verſöhnung. Das iſt die grundlegende Bedeutung der Taufe. Luthardt vergleicht ſie einmal mit den ausgebreiteten Armen des Vaters, die geöffnet bleiben, einerlei ob der Sohn kommt oder nicht. Die Taufe iſt alſo eine Realität, ſie ermöglicht die Wiedergeburt, ſie verheißt nicht für die Zukunft, ſondern ſtellt den Menſchen ſofort auf einen ganz neuen Boden, indem ſie ihm Kindesrechte giebt. Will man die Taufe eine„keimartige Wiedergeburt“ nennen, weil ſie die Wiedergeburt ermöglicht, ſo mag man das immerhin thun, aber nur mit demſelben Rechte, mit dem man auch tauſend im Pulte liegende Thaler ein„keimartiges Haus“ nennen würde oder einen auf ein Bankhaus lautenden Wechſel„keimartiges Gold“. Thatſache iſt jedenſalls, daß auch nach lutheriſcher Lehre erſt die im Glauben ergriffene Taufe das Bad der Wiedergeburt im eigentlichen Sinne iſt. Immer iſt es alſo der auf dem Grund der Taufe erwachſene Glaube, in dem ſich die Wiedergeburt vollzieht.—


