Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
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erfüllt nur ſeine eigene Beſtimmung, iſt alſo nur ſich ſelber treu. Was das Sittengeſetz befiehlt, iſt das, was er für ſich ſelbſt im tiefſten Grunde ſeines Weſens als das Wahre und Notwendige, zur Vollendung ſeines Weſens Unentbehrliche will. Darum giebt ſich auch die Erfüllung des Geſetzes unmittelbar kund als Gefühl der Einheit, des Friedens und der Harmonie mit ſich ſelbſt; die Übertretung aber als Gefühl des Unfriedens, des Zwieſpalts und der Zerriſſenheit.

Alſo nur, wer das Sittlichgute als unbedingtes Geſetz für den Willen anerkennt, nur wer ſich feſt gebunden hat an den Maſt des Guten, iſt wahrhaft frei; nur die Beſtimmung durch das Sittengeſetz iſt im wahrſten Sinne des Wortes Selbſtbeſtimmung, nur ſie iſt wahre, reale Freiheit. Der Gedanke des Sittengeſetzes weiſt aber über ſich hinaus auf einen Geſetzgeber. Die unbedingt verpflichtende Kraft des Sittengeſetzes liegt nur in dem Gedanken begründet, daß der Zweck, dem das Sittengeſetz dient, der höchſte Zweck iſt, auf den hin überhaupt die Welt geſchaffen und um deswillen der ganze Aufwand einer Schöpfung und eines Weltlaufs gemacht iſt. So vollendet ſich das Sittliche erſt in dem Gedanken, daß das Gute eine Macht iſt über die Welt. Erſt in dieſem religiöſen Vertrauen wird das Sittliche möglich. Die Religion iſt es, die erſt das ſittliche Handeln ermöglicht, d. h. aber nichts anderes als: erſt in der religiöſen Abhängigkeit verwirklicht ſich die ſittliche Freiheit.

bb) Die Verwirklichung der ſittlichen Freiheit im chriſtlichen Glauben*).

Die im Vorhergehenden ihrem Weſen nach geſchilderte ſittliche Freiheit iſt für den Menſchen nicht eine unmittelbare, ihm anerſchaffene Wirtlichkeit, ſondern zunächſt nur Aufgabe. Sie iſt das Ziel ſeiner Beſtimmung, ſie iſt das Ideal, das ihm vorſchwebt, dem aber die Wirklichkeit keineswegs entſpricht. Zwei Thatſachen findet er vor, die es ihm ſchwer, ja unmöglich machen, ſeinen Willen dem Sittengeſetz zu unterwerfen und aus eigenen Kräften ſich die Freiheit zu erwerben. Dieſe beiden Thatſachen, die ihn an der Erreichung ſeiner Beſtimmung hindern, ſind das Vorhandenſein des Übels außer ihm und der Sünde in ihm.

Zuerſt das übel. Der Menſch mit ſeinen ſittlichen Beſtrebungen ſteht hier in dieſer Welt einſam und verlaſſen da, wie ein Fremdling aus einer anderen Welt. Für das, was ihn erfüllt und bewegt, ſcheint die Natur kein Herz zu haben**). Sie ſagt ihm auf Schritt und Tritt: du biſt doch nur ein

*) Zu den nachſolgenden Ausführungen vergl. insbeſondere: W. Herrmann, Die Religion im Verhältnis zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. Derſelbe, Der Verkehr des Chriſten mit Gott. Stuttgart 1886. Derſelbe, Warum bedarf unſer Glaube geſchichtlicher Thatſachen? Marburg 1884. Gottſchick, Der evangeliſche Religionsunterricht in den oberen Klaſſen höherer Schulen. Halle 1886.

**) Vgl. hierzu folgende Bemerkungen aus David Strauß, Der alte und der neue Glaube:Wohl hat die Natur eine Seite, die dem Menſchen freundlich erſcheinen mag. Die Sonne, die ihn wärmt, die Luft, die er atmet, die Quelle, die ihn labt, der Baum, der ihm ſeinen Schatten und ſeine Früchte, das Schaf, das ihm ſeine Milch und ſeine Wolle bietet, ſcheinen zum Beſten des Menſchen vorhanden, ihm von einer gütigen Macht geſchenkt zu ſein Auch geſtattet ihm bis zu einer gewiſſen Grenze die Natur eine beſtimmende Einwirkung auf ſie: er baut ſeinen Acker, gewöhnt und benutzt ſeine Haustiere, erjagt und erlegt die wilden, zimmert ſich ſeinen Kahn für den Fluß oder die See, und macht ſich zum Schutze gegen die Witterung ſeine Hütte, ſeine notdürftige Kleidung zurecht. Aber die Kehrſeite dieſes freundlichen Geſichtes, das die Natur ihm zeigt, iſt ein ſchreckliches; neben und hinter dem ſchmalen Grenzgebiete, worauf ſie ihn ge⸗ währen läßt, behält ſie für ſich eine ungeheure Übermacht, die in unerwartetem Ausbruch aller menſchlichen Bemühungen grauſam ſpottet. Der Sturm verſenkt den Kahn und den Schiſſer dazu; der Blitzſſtrahl ſetzt die Hütte in Flammen oder die Überſchwemmung reißt ſie fort; eine Seuche rafft die Herden hinweg; Sonnenbrand oder Hagel vernichtet den Ertrag der Felder; während der Menſch ſelbſt ſich dem Zufall oder Unfall, der Krankheit und dem Tode ohne nachhaltigen Schutz preisgegeben ſieht......Man ſieht ſich in die ungeheure Weltmaſchine mit ihren eiſernen gezahnten Rädern, die ſich ſauſend umſchwingen, ihren ſchweren Hämmern und Stampfen, die betäubend niederfallen, in dieſes ganze furchtbare Getriebe ſieht ſich der Menſch wehr⸗ und hülflos hineingeſtellt, keinen Augenblick ſicher, bei einer unvorſichtigen Bewegung von einem