Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
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12 me.

Dieſes Gut iſt der Art, daß es ſinnlos und abſurd iſt zu fragen, welchem höheren Zweck es diene; es iſt der Endzweck, auf den hin der Menſch überhaupt geſchaffen iſt: ſſein Daſein als freie, ſittliche Perſönlichkeit. Es macht ſich ihm als höchſtes Gut fühlbar. Jeder fühlt, daß dieſes Gut dem Grund intereſſe ſeiner Natur entſpricht, und durch die Achtung, die es jedem abnötigt, läßt es die Fragen nach einem noch höheren Zweck verſtummen. Was das Sittengeſetz bezweckt, iſt dasſelbe, was im innerſten Herzen von dem Menſchen gewollt wird, es iſt das, was er nicht aufgeben kann, ohne ſich ſelbſt aufzu geben; es iſt die freie Perſönlichkeit. Der dem Sittengeſetz unterworfene Menſch iſt der Menſch, ſo wie er urſprünglich von Gott gedacht und gewollt iſt; und wer ſich nach ihm beſtimmt, beſtimmt ſich nicht aus ſeiner empiriſchen, bedingten Wirklichkeit, ſondern aus ſeiner Idee heraus. Er ſieht nicht auf das, was iſt, ſondern allein auf das, was ſein ſoll. Damit zerſchneidet er aber das Band, das ihn an den mechaniſchen Naturzuſammenhang knüpfte. So lange der Wille ſich nur im Geſichtskreis der Wünſche und Neigungen bewegt, bleibt er gebannt in den durch das Naturgeſetz beſtimmten Kauſalzuſammenhang alles Geſchehens; er ſteht unter dem bloßen Zwange des egoiſtiſchen Naturtriebes und iſt nur ein ſelbſt ſüchtiges, von Begierde beherrſchtes Ich. Erſt wenn er durch ein unbedingt Notwendiges, durch das Sittengeſetz beſtimmt iſt, denkt er ſich als Endzweck und hebt ſich als ein geſchloſſenes Ganze, das in ſich ſelbſt und unabhängig von der Natur ſeinen Wert hat, aus dem endloſen Naturzuſammenhang heraus und fügt ſich in eine andere Ordnung und Geſetzgebung ein als die des Naturmechanismus; er denkt ſich nunmehr als eine über alle Natur erhabene, überſinnliche Perſönlichkeit. Das iſt der Wert, den das Sittengeſetz für den Menſchen hat: es enthüllt ihm erſt ſein eigentliches Selbſt, erhebt ihn zur Perſön lichkeit, bringt ihm ſeine Würde zum Bewußtſein und zeigt ihm den einzigen Weg ſich frei zu halten von aller Beſtimmtheit durch Natururſachen und ſo ſein Selbſt der Natur gegenüber zu behaupten.

Darum ſagen wir mit dem Dichter:Das Geſetz nur kann uns Freiheit geben. Und das iſt kein Widerſpruch. Denn das Sittengeſetz iſt nichts, was uns von außen gegeben und aufgedrungen wäre; es iſt nichts uns Jenſeitiges und Fremdes, ſondern es ſtammt aus dem innerſten Kern unſeres Selbſt⸗ bewußtſeins und iſt der Ausdruck unſeres eigenen tiefinnerſten Weſens. Der Zwang, die Notwendigkeit, die es mit ſich führt, iſt moraliſch vermittelt durch das Gefühl der Achtung, das uns das Geſetz ab⸗ nötigt dadurch, daß wir uns ſelbſt in ihm wiedererkennen. Es herrſcht darum nicht mit dem Anſehen der Gewalt, ſondern wer ihm gehorcht, folgt nur ſeinen eigenen unverbrüchlichen Geſetzen,

keine verpflichtende Kraft haben, wenn ſie keinem gefühlsfähigen Weſen Luſt verurſacht. Denn die Befolgung des Geſetzes würde dann zwar äußerlich einen anderen Thatbeſtand hervorbringen als die Nichtbefolgung, aber im Grunde würde doch der eine ſo gleichgiltig ſein wie der andere. Von der Verwirklichung des Geſetzes würde niemand etwas haben, am wenigſten das empfindungsloſe Geſetz; es hätte einfach bei dem neuen Thatbeſtand ſein Bewenden; es wäre das reine opus operatum. Kant hatte gewiß Recht, wenn er dagegen eiferte, daß man die Auctorität des Sittengeſetzes auf ein empiriſches Luſtgefühl gründe. Denn das, was bloß iſt, kann nie den Grund abgeben für das, was ſein ſoll. Aus dem Seinmüſſen folgt kein Seinſollen. Das Prinzip des Ethiſchen, an dem alles Sein erſt gemeſſen wird, ob es wert iſt zu ſein, kann nicht in einem bloß zufällig gegebenen Sein gefunden werden, ſondern nur in einem Denknotwendigen; erſt dabei kann ſich unſere Vernunft beruhigen. Auf ein ſolches Glück alſo, das ſich der Vernunft als ein denknotwendiges erweiſt, darf das Sittengeſetz unbe⸗ ſchadet ſeiner Würde wohl bezogen werden. Kant ging darin entſchieden zu weit, daß er überhaupt alle Rückſicht auf Glück und Seligkeit aus der Moral verbannt wiſſen wollte. Gewiß, es verrät den Standpunkt des unreifen Kindes, die Medizin zu nehmen, um das verſprochene Stückchen Zucker zu erhalten, und iſt des Mannes nicht würdig. Aber anſtatt nun zu verlangen, daß der Mann ſie um der Geſundheit willen nehme, und ſo das Motiv auf die Höhe des Zweckes zu erheben, verlangte er, daß der Mann die Medizin der Medizin wegen nehme, verlangte ſogar, daß ſie bitter ſchmecke. Aber die Pflicht bloß um der Pflicht willen zu thun, das Sittengeſetz befolgen bloß, weil es befiehlt, iſt, wie wir oben geſehen haben, unvernünftig.(Vergl. v. Jhering, Der Zweck im Recht. 2. Bd. Leipzig 1884. Lotze, Mikrokosmus, 3 Bde. Leipzig 187680. Lotze, Grundzüge der praktiſchen Philoſophie. Leipzig 1882)) 1