winziger Bruchteil des großen Univerſums. Die brutale Gewalt ſcheinbar ſinnloſer Ereigniſſe zerſtört Ord⸗ nungen und erſtickt Regungen, die dem guten Willen ſchienen die Bahn frei zu machen. Krankheit lähmt die Thätigkeit des Menſchen, der Tod macht ſie unmöglich. Die menſchliche Geſellſchaft iſt auch kein Orga⸗ nismus der Freiheit, ſondern umwindet den Einzelnen mit zahlloſen Hemmungen Sind doch die Menſchen lauter unbefriedigte, von unruhiger Selbſucht getriebene, nach Leben und Daſeinsgenuß dürſtende Weſen, die ſich gegen einander wehren, weil einer dem andern die Mittel zum Glück entreißen möchte. Bei dieſem Zuſtand, der einem bellum omnium contra omnes nur allzu ähnlich iſt, ſcheint ein befreiender und be⸗ glückender Verkehr mit anderen unerreichbar. So ſieht es aus, als ſei die Welt gar nicht darauf an— gelegt, dem ſittlichen Handeln des Menſchen als Baſis zu dienen. Sie zerſtört ſeine Arbeit und ſpottet ſeines Strebens. Was iſt natürlicher, als daß der Menſch die Luſt verliert, ſich ferner im Dienſte einer Macht aufzuopfern, die zu ohnmächtig iſt, um ihre Zwecke durchzuſetzen, und eine Arbeit zu thun, die doch vergeblich iſt? Es iſt dem Menſchen nicht möglich, ſich einem ſittlichen Endzweck hinzugeben, wenn er nicht überzeugt iſt, daß auch die Bedingungen für ſeine Erreichbarkeit verbürgt ſind. Das Sittengeſetz verlangt von dem Menſchen, er ſolle ſeine Neigungen und Lieblingswünſche opfern, er ſolle ſittlich handeln, ohne Rückſicht auf den Erfolg. Das aber iſt nur möglich, wenn er weiß: das Sittlichgute iſt der End⸗
Rade gefaßt und zerriſſen zu werden. Dieſes Gefühl des Preisgegebenſeins iſt zunächſt wirklich ein entſetzliches.“ Dazu vgl. man noch die Schilderung des Doppelantlitzes der Natur bei Ed. v. Hartmann, Das religiöſe Bewußtſein der Menſchheit. Berlin 1882, außerdem auch die an den verſchiedenſten Stellen eingeſtreuten zahlloſen Ausführungen Schopen⸗ hauers, der am beredteſten wird, wenn er auf das Elend des Daſeins und auf den Jammer des Lebens zu ſprechen kommt. Es iſt geradezu das Thema ſeiner Philoſophie. Das Wiſſen um den Tod und die Betrachtung des Leidens und der Not des Lebens gilt ihm als der ſtärkſte Anſtoß zum Philoſophieren. Die Frage, um die ſich alle philoſophiſchen Syſteme bewegen, iſt nach ſeiner Anſicht dieſelbe Frage, die ſich auch dem ſtumpfſinnigſten Menſchen aufdrängt:„Warum ſind der Thränen unter dem Mond ſo viel?“ Nicht bloß daß die Welt vorhanden, ſondern daß ſie eine ſo trübſelige ſei, iſt das Problem, das die Menſchen in Unruhe verſetzt.„Die Philoſophie hebt, wie die Ouvertüre zum Don Juan, mit einem Mollakkord an.“„O die traurige Beſchaffenheit einer Welt, deren lebende Weſen dadurch beſtehen, daß ſie einander auffreſſen, die hieraus hervorgehende Not und Angſt alles Lebenden, die Menge und koloſſale Größe der Übel, die Mannigfaltigkeit und Unvermeidlichkeit der oft zum Entſetzlichen anwachſenden Leiden, die Laſt des Lebens ſelbſt und ſein Hineilen zum bitteren Tode!... Das Leben iſt ein Geſchäft, deſſen Ertrag bei weitem nicht die Koſten deckt. Statt irgend eines haltbaren Endzweckes nur augenblickliches Behagen, flüchtiger Genuß, vieles und langes Leiden, beſtändiger Kampf, bellum omnium, jedes ein Jäger, jedes gejagt, Gedränge, Mangel, Not, Angſt, Geſchrei und Geheul, und das geht ſo fort“... „Wenn man jedem die entſetzlichen Qualen und Schmerzen, denen ſein Leben beſtändig offen ſteht, vor die Augen bringen wollte, ſo würde ihn Grauſen ergreifen, und wenn man den verſtockteſten Optimiſten durch die Krankenhospitäler, Laza⸗ rethe und chirurgiſchen Marterkammern, durch die Gefängniſſe, Folterkammern und Sklavenſtälle, über Schlachtfelder und Gerichtsſtätten führen, dann alle die finſteren Behauſungen des Elendes, wo es ſich vor den Blicken kalter Neugier ver⸗ kriecht, ihm öffnen und zum Schluſſe ihn in den Hungerturm des Ugulino blicken laſſen wollte, ſo würde ſicherlich auch er zuletzt einſehen, welcher Art dieſe meilleur des mondes possibles iſt. Ein Höllenpfuhl iſt die Welt; an Teufeln fehlts auch nicht darin. Man betrachte nur, was gelegentlich Menſchen über Menſchen verhängen, mit welchen ausgegrübelten Martern einer den anderen langſam zu Tode quält, und frage ſich, ob Teufel mehr leiſten könnten“...„Übrigens kann ich hier die Erklärung nicht zurück halten, daß mir der Optimismus, wo er nicht etwa das gedankenloſe Reden ſolcher iſt, unter deren platter Stirne nichts als Worte herbergen, nicht bloß als eine abſurde, ſondern auch als eine wahrhaft ruchloſe Denkungsart erſcheint, als ein bitterer Hohn auf die namenloſen Leiden der Menſchheit.“— O. Funcke in ſeinem Vortrage: „Wozu iſt der Meuſch in der Welt?“(Stuttgart 1887) ſagt:„Der Menſch iſt der König aller Kreaturen. Jede Gewalt muß ſich ſeinem Geiſte beugen. Schreibt er nicht mit dem Blitze, malt er nicht mit dem Lichte, fährt und arbeitet er nicht mit dem Dampfe, miſſet er nicht den Himmelsbogen und taucht er nicht hinunter bis auf den Grund des Meeres, durchwühlt er nicht die Eingeweide der Erde? Jawohl— und dabei iſt er doch das unſeligſte von allen lebenden Weſen.... Ein Hauch, ein Waſſertropfen genügt, um ihn zu töten.“— Über dieſes Thema vgl. im übrigen namentlich Luthardt, Apolo⸗ getiſche Vorträge. I. Band. 2. und 7. Vortrag. II. Band. 2. Vortrag nebſt den Anmerkungen.


