Aufsatz 
Die menschliche Freiheit und ihre Beziehung zum christlichen Glauben / von Gustav Hüpeden
Entstehung
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haben eben nur anſchauliche Vorſtellungen und erkennen nur das jedesmal Gegenwärtige. Ihr Horizont iſt mithin recht beſchränkt; ſie haben nur die Wahl zwiſchen dem, was ihnen anſchaulich vorliegt. Der Menſch hingegen hat vermöge ſeiner Fähigkeit abſtracte Begriffe zu bilden einen unendlich weiten Geſichts⸗ kreis, der das Abweſende, Vergangene und Zukünftige begreift; dadurch hat ſeine Wahl viel größeren Spielraum. Was ſein Thun beſtimmt, iſt nicht bloß das in der ſinnlichen Anſchauung Vorliegende, ſondern allgemeine Grundſätze, bloße Gedanken, die er in ſeinem Kopfe überall mit ſich herumträgt und die ihn von dem Eindruck der Gegenwart und der ſinnlichen Anſchauung frei und unabhängig machen. Man kann ſagen: es ſind feine unſichtbare Fäden, die des Menſchen Gedanken lenken, während die Tiere von den groben, ſichtbaren Stricken des anſchaulich Gegenwärtigen gezogen werden.

Doch dieſe Freiheit vom unmittelbaren Zwang der anſchaulich gegenwärtigen Objekte, dieſe Fähigkeit ſich durch allgemeine Grundſätze zu beſtimmen, iſt noch nicht die volle und ganze Freiheit. Es muß ferner hinzukommen die Einheit und Geſchloſſenheit des Wollens, daß nämlich der Menſch ſein ganzes Leben nach einem oberſten Grundſatz beſtimmt, daß der Wille des Menſchen auf ein Gut gerichtet iſt und ſich mit dieſem Gute identificiert*). Ohne dieſe Kontinuität des Wollens iſt wahre Freiheit nicht denkbar. Wer ſich von den wechſelnden äußeren Eindrücken beherrſchen läßt und dieſe nur wie ein Spiegel reflectiert, wer heute durch dieſes, morgen durch jenes Gut ſeinen Willen beſtimmen läßt, der iſt ein Sklave, aber kein Herr der Welt. Das Weſen der Perſönlichkeit beſteht gerade darin, daß ſie auf Grund ihres eigentümlichen Selbſtgefühls unter den ſie umgebenden Dingen Unterſchiede macht, einiges als für ſie beſonders wertvoll auszeichnet und ſich zueignet, anderes als gleichgültig, widerwärtig und fremd von ſich abſtößt und ſo die Dinge aus bloß empfundenen Thatſachen des Bewußtſeins in gefühlte Werte umwandelt, die nun den eigentlichen Inhalt des Perſonlebens ausmachen. Soll nun das Selbſt⸗ gefühl auf das höchſte geſteigert werden und die Perſönlichkeit ſich am kräftigſten der Welt gegenüber in ihrer Eigenart behaupten, ſo muß den Menſchen die Vorſtellung eines Gutes als des höchſten dauernd derart beherrſchen, daß er mit dem vollen Genuß desſelben ſein eigenes Selbſt vollſtändig identificiert. Erſt dadurch, daß er ſich ſo innerlich in der beſtändigen Richtung auf ein ſolches höchſte Gut zuſammen⸗ faßt, gewinnt er eine Vorſtellung von ſich ſelbſt als einer im Wechſel der Zuſtände beharrenden Größe, erſt dadurch wird er ein Charakter. Erſt hierdurch hört er auf ein Spielball augenblicklicher Launen zu ſein und wie die Kinder auf dem Jahrmarkt bald nach dieſem bald nach jenem zu greifen; er weiß, was er will. Sein Charakter gewinnt damit Energie und Klarheit; ſeine Geſinnung gewinnt jene Treue, Feſtigkeit und Unbeweglichkeit, die nur eines hat und kennt und weiß und erſtrebt, dieſes eine aber mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüte und allen Kräften ſich zu eigen gemacht hat und alles nur darauf bezieht. Nur wer ſo beſtändig ein Ziel feſt im Auge hat, vermag den Verſuchungen Widerſtand zu leiſten, die von rechts und links auf ihn einſtürmen und ihn von ſeinem Wege abbringen wollen.

Aber auch dieſes Hingegebenſein an ein höchſtes Gut iſt es noch nicht, was den vollen Begriff der ſittlichen Freiheit ausmacht, ſondern es muß nun noch hinzukommen die nähere Beſtimmung deſſen, worin der Menſch ſein höchſtes Gut erblickt, an das er ſich ſo ganz und ausſchließlich hingiebt. Denn nicht mit jeder entſchiedenen Hingabe an ein Gut iſt die ſittliche Freiheit verknüpft. In der Menſchenbruſt regen ſich die verſchiedenſten Triebe, die gerichtet ſind auf die Güter dieſer Welt. Damit, daß man einen dieſer Triebe zum herrſchenden, mithin eines der relativen Güter zum abſoluten erhebt, iſt wohl eine gewiſſe Charakterfeſtigkeit hergeſtellt, aber nicht das, was wir ſittliche Freiheit nennen. Dieſe Art von Charakterſtärke, die ihre ganze Energie in einen ſelbſtgewählten partikularen, irdiſchen Zweck legt und

*) W. Herrmann, Die Religion im Verhältnis zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. Halle 1879.